München (OTS) – München (ots)
– Bei komplexen strategischen Entscheidungen geht eine kürzere
Überlegensdauer mit einer höheren Qualität der Entscheidung einher.
– Eine internationale Studie untersuchte Entscheidungen anhand der
Analyse von 215.000 Schachzügen in 3.600 Turnierpartien.
– Ob eine Person lange nachdenkt, zeigt demnach eher, dass eine
Entscheidung subjektiv als schwierig empfunden wird.
Im Schachspiel sind schnellere Entscheidungen von einer höheren
Qualität. Das ist das Ergebnis einer Studie, die aktuell in der
wissenschaftlichen Fachzeitschrift PNAS erschienen ist. Das
Forschungsteam, dem neben Professor Uwe Sunde von der LMU
Wissenschaftler der Erasmus-Universität Rotterdam und der FernUni
Schweiz angehören, analysierte Daten aus professionellen
Schachpartien. Ihr Ziel war es, zu untersuchen, wie die Zeit, die für
eine Entscheidung benötigt wird, mit deren Qualität zusammenhängt.
Sunde und seine Kollegen sehen in dem Ergebnis einen Hinweis darauf,
dass die Entscheidungsdauer die subjektiv empfundene Schwierigkeit
des Problems widerspiegelt, die sich je nach Situation verändern
kann.
Zusammenhang zwischen Schnelligkeit und Qualität
Als Verhaltensökonom interessiert sich Uwe Sunde dafür, wie
Menschen Entscheidungen treffen. „Bisher haben die meisten Studien zu
Entscheidungsdauer und Qualität relativ einfache Entscheidungen
analysiert, häufig in standardisierten Laborsettings mit
Studierenden“, sagt Sunde. „Oft müssen wir uns in der Forschung bei
der Untersuchung tatsächlicher Entscheidungen außerhalb des Labors
auf Beobachtungen beziehen, die nicht streng vergleichbar sind.“
Gemeinsam mit seinem Team fand der Ökonom einen alternativen Weg,
um komplexe strategische Entscheidungen zu untersuchen: Sie
analysierten einzelne Züge von Spielern in professionellen
Schachturnieren. Dabei maßen sie die Zeit, die die Spieler für ihre
Entscheidung brauchten, und glichen das Ergebnis mit den Benchmarks
von Schachcomputern ab, um die Qualität objektiv zu bestimmen. Die
Forschenden verglichen dabei Entscheidungen, die ein Spieler in
unterschiedlichen Konfigurationen auf dem Schachbrett gegen denselben
Gegner traf.
Die Bedeutung der Intuition
Die Ergebnisse zeigen, dass schnellere Entscheidungen mit höherer
Entscheidungsqualität einhergehen – selbst unter Berücksichtigung der
rechnerischen Komplexität der Entscheidung, der Unterscheidbarkeit
der Entscheidungsalternativen und des Zeitdrucks. „A priori ist der
Zusammenhang zwischen der Schnelligkeit, mit der komplexe
strategische Entscheidungen getroffen werden, und der Qualität dieser
Entscheidungen unklar“, sagt Sunde. Sich mehr Zeit zu nehmen, um eine
Entscheidung zu treffen, kann zu einer besser durchdachten
Entscheidung führen, kann aber auch Ausdruck dafür sein, dass die zu
entscheidende Frage als schwieriger empfunden wird, was mit
geringerer Entscheidungsqualität einhergehen kann.
„Mit der Studie konnten wir zeigen: Wenn man die objektiv
messbare Schwierigkeit der Entscheidung konstant hält, trifft jemand,
der länger nachdenkt, offenbar schlechtere Entscheidungen“, so der
Forscher. Wer länger grübelt, empfindet möglicherweise die
Komplexität subjektiv höher. Eine kürzere Entscheidungsdauer könnte
umgekehrt darauf hinweisen, dass der Spieler eine starke Intuition
hat, also ein Gefühl dafür, was der beste Zug ist. „Das unterscheidet
den Menschen von Maschinen: Der Mensch kann oft situativ erkennen,
was gut ist oder was nicht gut ist. Wenn der Mensch das jedoch nicht
schnell erfasst, tut er sich schwer, das Problem rational weiter zu
berechnen“, sagt Uwe Sunde.
Der LMU-Forscher hält es für möglich, dass das Ergebnis auch auf
Situationen außerhalb des Schachspiels übertragbar ist, in denen
komplexe Entscheidungen gefällt werden müssen.
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