Europäer:innen gehen auf Distanz zu den USA: Wunsch nach Eigenständigkeit wächst (FOTO)

Gütersloh/Berlin (OTS) – Nach Jahrzehnten enger Zusammenarbeit mit
den Vereinigten Staaten
sagen inzwischen fast drei von vier EU-Bürger:innen, Europa solle
„seinen eigenen Weg gehen“. Eine klare Mehrheit der Europäer:innen
hält die USA nicht länger für einen vertrauenswürdigen Partner.
Eineinhalb Jahre nach Beginn der zweiten Trump-Präsidentschaft ist
der Anteil der Befragten, die die USA als wichtigsten Partner Europas
ansehen, um 20 Prozentpunkte gesunken. Während China als alternativer
Partner nicht an Bedeutung gewinnt, orientieren sich Europäer:innen
innerhalb des westlichen Bündnisses neu. Eine neue Studie der
Bertelsmann Stiftung zeigt diesen Wandel.

Im Vorfeld des Europatags am 9. Mai zeichnet sich in der
öffentlichen Meinung Europas ein klarer Trend ab. Eine neue Studie
der Bertelsmann Stiftung auf Basis von Umfragen zwischen September
2024 und März 2026 zeigt einen Kontinent, der bereit ist, stärker auf
eigenen Füßen zu stehen. 73 Prozent der EU-Bürger:innen sind der
Ansicht, die Union solle nach Jahrzehnten enger Anbindung an die
Vereinigten Staaten ihren eigenen Weg gehen; gegenüber 63 Prozent im
Jahr 2024. Dieser Trend zeigt sich über alle Bevölkerungsgruppen
hinweg, mit besonders starken Zuwächsen bei älteren Europäer:innen.

Die aktuelle US-Präsidentschaft hat tiefe Spuren im
transatlantischen Verhältnis hinterlassen. Das Vertrauen in die
Vereinigten Staaten ist gering: 58 Prozent der Europäer:innen sehen
Washington nicht als vertrauenswürdigen Partner. Zwar bleiben die USA
in relativen Zahlen weiterhin der wichtigste Partner der EU (31
Prozent), doch ihr Ansehen ist seit 2024 um 20 Prozentpunkte
gesunken. Ein polarisierender US-Präsident und zunehmende
geopolitische Spannungen haben die öffentliche Meinung in Europa in
Richtung größerer Eigenständigkeit verschoben.

Gleichzeitig führt Europas Streben nach Unabhängigkeit nicht zu
einer stärkeren Hinwendung zu China. China wird weiterhin mit Skepsis
betrachtet. Große Mehrheiten sprechen sich dafür aus, Abhängigkeiten
zu verringern, auch wenn dies wirtschaftliche Kosten mit sich bringt.
Stattdessen verschieben sich die Präferenzen innerhalb des
bestehenden Bündnissystems. Das Vereinigte Königreich und Kanada
gewinnen als strategische Partner an Bedeutung. Dies deutet darauf
hin, dass Europäer:innen ihre Beziehungen neu ausbalancieren, anstatt
sich vom transatlantischen Rahmen insgesamt abzuwenden. Die
Unterstützung für die NATO bleibt stabil: Klare Mehrheiten sehen sie
weiterhin als zentralen Pfeiler der Sicherheit (63 Prozent).

Florian Kommer, Senior Expert für Europa bei der Bertelsmann
Stiftung, erklärt: „Die Botschaft im Vorfeld des diesjährigen
Europatags ist eindeutig: Die Europäerinnen und Europäer wollen
unabhängiger von den Vereinigten Staaten werden. Das Vertrauen ist
gesunken, und mit ihm die Rolle Amerikas als zentraler Partner
Europas. Die Partnerschaft ist nicht unwiederbringlich verloren, doch
unsere Daten weisen auf eine tiefere, strukturelle Belastung der
transatlantischen Beziehungen hin. Die Bürgerinnen und Bürger fordern
mehr Unabhängigkeit, insbesondere in der Außen- und
Sicherheitspolitik. Die Politik sollte diesen Auftrag nun in konkrete
Maßnahmen und substanzielle Investitionen in Europas eigene
Fähigkeiten übersetzen.“

Brandon Bohrn, Senior Expert für transatlantische Beziehungen bei
der Bertelsmann Stiftung, ergänzt: „Der Aufbau eines stärkeren und
eigenständigeren Europas geht dabei Hand in Hand mit einer Ausweitung
seiner Partnerschaften, um Resilienz und strategische Stabilität zu
sichern.“