Wien (PK) – Der 5. Mai 1945 war der Tag der Befreiung des
Konzentrationslagers
Mauthausen und seiner Nebenlager. Aus Anlass dieses Datums erinnert
das österreichische Parlament jedes Jahr an das dunkelste Kapitel der
österreichischen Geschichte und setzt ein Zeichen der Erinnerung. Im
Mittelpunkt der Gedenkveranstaltung gegen Gewalt und Rassismus im
Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus im
Bundesversammlungssaal des Parlaments, zu der die Präsidien des
Nationalrats und des Bundesrats gemeinsam eingeladen hatten, stand
heuer der Gedenkdienst.
In der Eröffnungsrede betonte Zweiter Nationalratspräsident Peter
Haubner, dass es keinen Schlussstrich geben dürfe. Er betonte aber
auch, dass das Gedenken neue Formen finden müsse, um lebendig zu
bleiben. Das Engagement junger Menschen zeige, dass Österreich sich
seiner Verantwortung für die Vergangenheit stelle und die Erinnerung
lebendig halte. Die Gedenkrede hielt Hedi Schnabl Argent, die 1939
mit ihrer Familie aus Wien flüchten musste. Sie berichtete aus ihren
Lebenserfahrungen und betonte, dass es inmitten des Bösen immer auch
Menschen gegeben habe, die bereit waren, Gutes zu tun. Ihre
Erfahrungen als jüdisches Mädchen im Österreich der 1930er-Jahre hat
Schnabl Argent auch in dem Kinderbuch „Der Tag, an dem sich die Musik
veränderte“ verarbeitet.
Im Rahmen einer Podiumsdiskussion unterhielt sich der
Vizedirektor des Museums Auschwitz-Birkenau Andrzej Kacorzyk mit
ehemaligen Gedenkdienerinnen und Gedenkdienern über die Bedeutung des
Gedenkdienstes und ihre Erfahrungen im Rahmen ihres Einsatzes. In
seinen Abschlussworten würdigte Bundesratspräsident Markus Stotter
den Gedenkdienst. Dieser sei eine der wichtigsten tragenden Säulen
der österreichischen Erinnerungsarbeit.
Haubner: Erinnerung braucht Verantwortung und Haltung
Der Zweite Nationalratspräsident Peter Haubner stellte an den
Beginn seiner Eröffnungsrede ein Zitat von Richard von Weizsäcker:
„Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die
Gegenwart.“ Angesichts eines neuen Höchststandes von antisemitischen
Vorfällen sei diese Warnung höchst aktuell. Die Antisemitismus-
Meldestelle der Israelitischen Kultusgemeinde habe zuletzt 1.532
antisemitische Vorfälle in nur einem Jahr verzeichnet, mehr als vier
pro Tag. Angesichts dieser Entwicklungen könne es keinen
Schlussstrich geben unter das Leid der Opfer und die Schrecken des
Nationalsozialismus.
Haubner erinnerte an Artikel 1 der Charta der Grundrechte der
Europäischen Union: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie ist
zu achten und zu schützen.“ Dieser Satz sei das Fundament des
gemeinsamen Europa. Würde sei jedoch kein Versprechen, das sich von
alleine halte. Sie brauche Erinnerung, und Erinnerung brauche
Haltung. Es gebe kein „Verfallsdatum“ für Würde und kein „Genug“ bei
Menschlichkeit.
Der Nationalsozialismus stelle kein abstraktes Kapitel der
Geschichte dar. Er stehe für ein von Menschen getragenes System, das
andere entrechtet, verfolgt, deportiert und ermordet habe. Der
Nationalsozialismus habe die Opfer auslöschen wollen, als hätten sie
nie existiert. Darum gebe es die moralische Verantwortung, diesen
beispiellosen Zivilisationsbruch niemals zu relativieren, zu
verharmlosen oder zu vergessen. Seit über dreißig Jahren trage der
Nationalfonds der Republik Österreich dazu bei, die Erinnerung
lebendig zu halten. Seine Tätigkeit sei ein Zeichen einer klaren
Haltung. Die Erinnerungsarbeit, die viele Menschen für den
Nationalfonds leisteten, könne daher gar nicht genug geschätzt
werden.
Erinnerung dürfe jedoch nicht stehen bleiben, sondern müsse sich
weiterentwickeln und eine neue Sprache finden, betonte Haubner. Wenn
Desinformation, Verzerrung und Leugnung in digitalen Räumen immer
mehr Platz gewinnen würden, brauche es Klarheit und den Mut zur
Wahrheit. Sehr bald werde man ohne die unmittelbaren Stimmen der
Zeitzeuginnen und Zeitzeugen auskommen müssen. Dann gelte es, nicht
nur Fakten weiterzugeben, sondern zu handeln und eine Haltung
sichtbar zu machen. Erinnerung lebe besonders dann, wenn junge
Menschen sie zu ihrer eigenen Sache machen würden. „Wenn Schülerinnen
und Schüler Biografien erforschen, Stolpersteine pflegen, digitale
Projekte entwickeln, dann wird Erinnerung lebendig“, betonte Haubner.
Der Nationalfonds stelle sich der zentralen Herausforderung, wie
das Gedenken in Zukunft aussehen werde. Erinnerung und
Digitalisierung in Einklang zu bringen und dafür zu sorgen, das
Gedenken „nicht im Alltagsrauschen untergehen“ zu lassen, sei eine
Herausforderung. Die Nationalfonds-Konferenz werde sich im Juni mit
einem entscheidenden und notwendigen Schritt für die Zukunft des
Erinnerns beschäftigen: der Vision des „Gedenken neu denken“.
„Wir können das dunkelste Kapitel unserer Geschichte nicht
ungeschehen machen, aber wir können entscheiden, mit welcher Haltung
wir diesem begegnen“, sagte der Zweite Nationalratspräsident. Die
Worte „Nie wieder“ seien ein Auftrag an alle. Dabei gelte es, nicht
nur die Würde der Vergangenheit zu wahren, sondern die Menschlichkeit
der Gegenwart zu verteidigen. Haubner rief dazu auf, den Gedenktag
für das Versprechen zu nützen, wachsam zu bleiben und wenn nötig,
auch das Wort zu ergreifen und Menschlichkeit über Gleichgültigkeit
zu stellen. Dann könne aus Erinnerung Verantwortung und aus
Verantwortung Haltung werden.
Schnabl Argent: Jeden Tag etwas Gutes tun
Hedi Schnabl Argent, die als Kind vor dem Nationalsozialismus aus
Wien nach England flüchten musste, widmete ihre Gedenkrede ihren
Eltern, Lisa and Dr. Max Schnabl. „Meine Mutter hat mir immer gesagt,
dass es keine guten oder schlechten Menschen gibt – nur normale
Menschen, die Schlechtes oder Gutes tun können – oder beides“, sagte
sie. Die Rednerin erinnerte auch an die Maxime des Retters vieler
jüdischer Kinder, Nicholas Winton: „Sei nicht zufrieden, nichts
Schlechtes zu machen, schau, jeden Tag etwas Gutes zu tun.“ Am Tag
der Erinnerung an sechs Millionen ermordete Jüdinnen und Juden und
angesichts des wieder erstarkenden Antisemitismus in der Welt sei es
vielleicht „der richtige Moment, auch vom Guten zu sprechen“.
In ihrer persönlichen Geschichte habe sie Gutes und Schlechtes
erlebt. Im Jahr 1933, vier Jahre alt, habe sie erfahren, dass es
Antisemitismus gebe, „dass es Menschen gibt, die mich nicht mögen,
weil ich Jüdin bin.“ Mit diesem Wissen sei sie aufgewachsen. Bereits
ab dem ersten Schultag habe sie die Ausgrenzung der Klasse erlebt.
Das habe sich erst geändert, als ein Mädchen namens Gerti sie am
Spielplatz gefragt habe: „Willst du mit mir spielen?“ Gerti habe von
ihrer Mutter gelernt, nicht das zu tun, was andere vorgeben, sondern
zu tun, was sie richtig finde. Für Gerti wäre es einfacher gewesen,
sich wie die anderen Kinder zu benehmen und so zu tun, als ob sie
schlimme Dinge nicht bemerken würde. „Gerti und ihre Mutter waren
Menschen, die Gutes tun“, sagte Schnabl Argent.
Der 13. März 1938 habe das Leben der Familie für immer geändert.
Bereits am nächsten Tag sei sie von der Schule verwiesen worden.
Innerhalb einer Woche sei die Kanzlei des Vaters von einem Nazianwalt
übernommen und noch vor Ende des Monats die Familie aus ihrer Wohnung
vertrieben worden. 17 Mitglieder ihrer Familie seien im Holocaust
ermordet worden. Ihr Vater sei 1938 regelmäßig mitten in der Nacht
aufgeweckt und im Schlafanzug auf die Straße gebracht worden, um
Gehsteige und öffentliche Toiletten zu putzen. Sogar in dieser Zeit
habe es kleine Zeichen von Menschlichkeit gegeben, einmal sogar von
einem Mann in NS-Uniform, erinnerte sich Schnabl Argent. Nach einem
Unfall habe eine christliche Freundin der Familie sie in einem
Krankenhaus behandeln lassen, wo Jüdinnen und Juden nicht mehr
zugelassen waren, und ihren Posten und eine harte Bestrafung
riskiert.
Ihr Vater sei schließlich verhaftet worden, weil er einen Mann
verteidigt habe, der beschuldigt war, einen gefälschten Pass zu
haben. In den sechs Wochen der Haft habe ihn ein Wärter, der ihn als
angesehenen Anwalt gekannt habe, vor der schlimmsten Behandlung
beschützt und während des Novemberpogroms vom 9. auf 10. November
1938 sogar für zwei Tage in einem Kohlenkeller versteckt. Ihr Vater
sei zurückgekommen, während die meisten seiner Freunde und Kollegen
verschwunden seien. Am 17. Juli 1939 kam die Familie schließlich nach
England. „Wir gehören zu den wenigen, die Glück gehabt haben“,
betonte Schnabl Argent. Ihr Cousin Bubi, der wie ein großer Bruder
für sie gewesen sei, seine Eltern und die Großmutter hätten kein
solches Glück gehabt.
In den letzten Jahren habe sie auch Menschen kennengelernt, die
ihr geholfen hätten, sich mit ihrem Vaterland zu versöhnen. Gemeinsam
hätten sie einen Gedenkstein für Bubi am Friedhof in Wels
aufgestellt. Er sei am 5. Mai 1945 aus Gunskirchen befreit worden und
am Tag darauf, zwei Monate vor seinem 17. Geburtstag, im Krankenhaus
Wels gestorben. Auf seinem Gedenkstein stehe der Anfang eines
Gedichts von Heinrich Heine: „Mein Kind, wir waren Kinder, zwei
Kinder, klein und froh“.
Gedenkdienerinnen und Gedenkdiener berichten über Erfahrungen
Über die Bedeutung des Gedenkdienstes unterhielt sich der
Vizedirektor des Museums Auschwitz-Birkenau Andrzej Kacorzyk mit
ehemaligen Gedenkdienerinnen und Gedenkdienern. In dem
Podiumsgespräch teilten sie ihren Erfahrungen.
Der Auslandsdiener des Jahres 2025 Noah Elias Jakovljević
absolvierte seinen Gedenkdienst in Portugal, wo er eine Ausstellung
über Simon Wiesenthal kuratierte. Gregor Ribarov erzählte von
Begegnungen im Rahmen einer Wanderausstellung über Anne Frank in
Deutschland. Beide erlebten dabei auch negative Vorfälle, die sie in
der Jugendarbeit allerdings bestärkt hätten. Um gegen das Vergessen
zu arbeiten und junge Menschen zu erreichen, müssten sie mit Fakten
konfrontiert werden, meinte Jakovljević. Insbesondere, da persönliche
Begegnungen mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen immer seltener würden,
sei es wichtig, Geschichten weiterzuerzählen bzw. mit
aufgeschriebenen Geschichten weiterzuarbeiten, so Ribarov. Auch
Museums-Vizedirektor Andrzej Kacorzyk sah diesbezüglich neue
Aufgaben. Im Museum Auschwitz-Birkenau werde nun vermehrt die
emotionelle und historische Bedeutung von geschichtlichen
Gegenständen aufgearbeitet. Die österreichischen Gedenkdienerinnen
und Gedenkdiener würden bei Restaurationsarbeiten ebenso mitarbeiten
wie bei Gedenkzeremonien oder Ausstellungen, in der Bibliothek, beim
Verlag, in der Bildungsarbeit oder zumeist im digitalen Archiv, ließ
er wissen.
Brigitte Landesmann entschied sich nach ihrer aktiven
Berufslaufbahn für den Gedenkdienst in einem Museum in Rom. Für sie
sei es wichtig, die Geschichte in die Gegenwart zu transportieren und
die Jugend darauf hinzuweisen, dass Prozesse wiederholbar seien. Es
gelte Ähnlichkeiten aufzuzeigen, etwa wenn rechtspopulistische
Parteien belastete Begriffe nutzten, meinte sie. Außerdem sah sie den
Bedarf für ein Holocaust-Museum in Österreich.
Stotter betont Bedeutung der Erinnerungsarbeit
Der 5. Mai sei ein Tag des Innehaltens und des Erinnerns, sagte
Bundesratspräsident Markus Stotter zum Abschluss der Veranstaltung.
Er führe eindringlich vor Augen, wohin Ausgrenzung, Hass und
Menschenverachtung führen können und mahne zugleich, dass Demokratie
und Menschenrechte niemals selbstverständlich seien. Der Gedenkdienst
sei eine der wichtigsten tragenden Säulen der österreichischen
Erinnerungsarbeit, meinte Stotter. Junge Menschen, die sich hier
engagierten, würden die Erinnerung an die Verbrechen des
Nationalsozialismus lebendig halten und mit ihrem Einsatz ein klares
Zeichen für Menschlichkeit, Verantwortungsbewusstsein und Solidarität
setzen. Insbesondere, da antisemitische Vorfälle in den vergangenen
Jahren zugenommen haben, brauche es eine klare Haltung, fundierte
Aufklärung, nachhaltige Bildungsarbeit sowie Menschen, die
widersprechen, wenn Grenzen überschritten werden und Institutionen,
die Verantwortung übernehmen. Erinnerungsarbeit sei lebendig und habe
Zukunft, schloss der Bundesratspräsident. „In diesem Sinne: Erinnern
wir, aber noch viel wichtiger: Handeln wir“, so sein Appell.
Die Moderation der Veranstaltung übernahm Margit Laufer. Die
musikalische Umrahmung erfolgte durch das Streichtrio des Alma Rosé
Instituts der mdw – Universität für Musik und darstellende Kunst Wien
in Kooperation mit dem Exilarte Zentrum für verfolge Musik der mdw.
Gespielt wurden Werke von jüdischen Komponisten, die im Holocaust
umgekommen sind. (Schluss Gedenkveranstaltung) sox/fan
HINWEIS: Fotos von dieser Veranstaltung sowie eine Nachschau auf
vergangene Veranstaltungen finden Sie im Webportal des Parlaments .