Wien (OTS) – Rund um die Einführung einer Zuckerabgabe im Deutschland
keimt auch
in Österreich wieder die Diskussion über die Einführung einer solchen
auf. Das forum. ernährung heute (f.eh) spricht sich jedoch klar
dagegen aus: „Die Evidenz zeigt, dass eine Zuckersteuer weder die
Prävalenz von Übergewicht und Adipositas senkt, noch einen
substanziellen Beitrag zur Gesundheitsförderung oder dem
Steueraufkommen leistet. Sie ist damit gesundheits- und
fiskalpolitisch nicht zielführend“, so Marlies Gruber,
Geschäftsführerin des f.eh. Just das Beispiel Großbritannien, das
Befürworter gerne heranziehen, ist ein Argument gegen eine
Zuckersteuer: In Großbritannien haben laut einer Analyse Erwachsene
im Schnitt pro Tag nur 21 Kilokalorien eingespart, was weniger als 1
% des täglichen Bedarfs entspricht.
Adipositas zählt zu den größten globalen Herausforderungen im
Bereich der öffentlichen Gesundheit. Seit 1990 hat sich die Zahl der
Menschen mit Adipositas weltweit mehr als verdoppelt, bei Kindern und
Jugendlichen sogar vervierfacht. Die damit verbundenen
Folgeerkrankungen wie Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen,
Schlaganfälle oder bestimmte Krebsarten belasten das individuelle
Wohlbefinden und die Gesundheitssysteme erheblich. Vor diesem
Hintergrund werden politische Maßnahmen zur Eindämmung von
Übergewicht intensiv diskutiert, so auch die Besteuerung
zuckergesüßter Getränke.
Entscheidend ist Gesamtenergieaufnahme
Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung handelt es sich
international meist nicht um eine allgemeine Steuer auf Zucker,
sondern um Abgaben auf zuckergesüßte Getränke. Diese Maßnahme basiert
auf Beobachtungsstudien, die einen Zusammenhang zwischen hohem Konsum
solcher Getränke und Adipositas beziehungsweise Typ-2-Diabetes
zeigen. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) stuft die
Evidenz für einen Zusammenhang mit Adipositas bei Erwachsenen als
„wahrscheinlich“, bei Kindern als „möglicherweise“ ein. Für Zucker
als isolierten Nährstoff hingegen gibt es laut DGE keine überzeugende
Beweislage, dass er per se „dick“ macht oder Diabetes verursacht,
denn Übergewicht entsteht durch eine langfristig positive
Energiebilanz. Entscheidend ist die Gesamtenergieaufnahme im
Verhältnis zum Verbrauch, nicht ein einzelner Nährstoff.
Großbritannien: marginale Kalorienreduktion
Die britische Soft Drinks Industry Levy (SDIL), eingeführt 2018,
gilt als prominentes Beispiel. Die Steuer ist nach Zuckergehalt
gestaffelt und führte dazu, dass Hersteller ihre Produkte
reformulierten. Der Gesamtzuckergehalt in Softdrinks sank deutlich,
der Absatz zuckerarmer und -freier Varianten stieg. Eine aktuelle
Evaluierungsstudie zeigt, dass Kinder zwar pro Tag um 23,5 % und
Erwachsene gar um 40,4 % weniger Zucker aus Limonaden aufnahmen. Aber
in absoluten Zahlen nahmen Kinder infolge der Steuer täglich rund 3
Gramm, Erwachsene etwa 5 Gramm weniger Zucker aus Softdrinks zu sich.
Das entspricht einer Energieeinsparung von rund 12 beziehungsweise 21
Kilokalorien pro Tag und damit nur etwa 1 % der empfohlenen
Tagesenergiezufuhr. Das ist aus wissenschaftlicher Sicht marginal.
Entscheidend ist: Trotz Reformulierung und veränderter
Produktlandschaft ist die Prävalenz von Übergewicht und Adipositas in
Großbritannien seit Einführung der Steuer nicht gesunken. Auch in
anderen Ländern mit vergleichbaren Modellen steigen die Raten weiter
an. Tatsächliche Langzeiteffekte auf Körpergewicht und Gesundheit
lassen sich bislang nicht eindeutig nachweisen.
Zielgruppenspezifische Ansätze gefragt
Softdrinks tragen hierzulande dem letzten Österr.
Ernährungsbericht zufolge (2017) durchschnittlich nur etwa drei bis
fünf Prozent zur täglichen Energiezufuhr bei. Ein übermäßiger Konsum
findet sich vor allem in bestimmten Gruppen, etwa bei jungen Männern
zwischen 19 und 25 Jahren. Eine pauschale Steuer trifft jedoch die
gesamte Bevölkerung unabhängig vom individuellen Konsummuster. „Wenn
bestimmte Bevölkerungsgruppen ein erhöhtes Risiko tragen, braucht es
zielgerichtete Programme statt breit gestreuter fiskalischer
Maßnahmen. Eine Steuer ersetzt keine Ernährungsbildung und kein
bewegungsfreundliches Umfeld“, unterstreicht Marlies Gruber.
Portionsgrößen als wirksamere Hebel
In Österreich hat die Branche den Zuckergehalt in
Erfrischungsgetränken in den vergangenen Jahren kontinuierlich
reduziert. Solche freiwilligen Maßnahmen können flexibel umgesetzt
und technologisch begleitet werden, ohne einseitige finanzielle
Belastungen für Konsumenten zu schaffen. Die Erfahrungen aus
Großbritannien zeigen zudem, dass neben der Reformulierung auch
reduzierte Gebindegrößen eine Rolle spielten. Internationale
Organisationen wie WHO, OECD oder das McKinsey Global Institute
verweisen darauf, dass die Anpassung von Portionsgrößen bei der
gesamten Ernährung generell einen deutlich größeren und
kosteneffizienteren Einfluss auf die Energieaufnahme haben als
steuerliche Maßnahmen.
Für das forum. ernährung heute ist klar: Die Entstehung von
Übergewicht und Adipositas ist multifaktoriell bedingt durch
Ernährungsgewohnheiten, Portionsgrößen, Bewegungsmangel,
sozioökonomische Faktoren, genetische Disposition und
Umweltbedingungen. „Eine Zuckersteuer suggeriert einfache Lösungen
für komplexe Probleme. Doch nachhaltige Veränderungen entstehen durch
Kompetenzaufbau, gute Rahmenbedingungen und alltagstaugliche
Strategien“, fasst Marlies Gruber zusammen. „Wir brauchen eine
umfassende Ernährungs- und Verbraucherbildung von klein an, gezielte
Maßnahmen für Risikogruppen und eine Förderung aktiver Lebensstile.
Symbolpolitische Einzelmaßnahmen wie eine Zuckersteuer greifen zu
kurz und wären ein Eingeständnis dafür, dass in den wesentlichen
Bereichen seit Jahren keine effizienten Maßnahmen gesetzt wurden.“
Das f.eh plädiert daher für evidenzbasierte, ganzheitliche Ansätze in
der Prävention, um Eigenverantwortung zu stärken und strukturelle
Rahmenbedingungen sinnvoll zu gestalten.