Innsbruck (OTS) – Die Sicherstellung einer wohnortnahen und
qualitativ hochwertigen
kassenärztlichen Patient:innenversorgung in Tirol steht vor
zunehmenden Herausforderungen. Kassenärzt:innen sehen sich tagtäglich
mit dem Mangel an Kassenstellen bzw. deren Besetzung, einem stetig
steigenden Patient:innenaufkommen, strengen Limitierungen im
Honorierungssystem und einer wachsenden Bürokratie (z.B.
Diagnosecodierung, Arzneimittelbewilligungen, fehlenden
Ansprechpartner:innen bei der Sozialversicherung etc.) konfrontiert.
Die sich bereits seit Jahren abzeichnende Verschärfung der Situation
im kassenärztlichen Bereich ist mittlerweile in immer mehr
Fachrichtungen spürbar und belegt, dass es für die Attraktivierung
des Kassensystems die Reformen seitens der Sozialversicherung
benötigt. Deutlich zeigt sich dies bei den aktuell 29 unbesetzten ÖGK
-Stellen (12 Allgemeinmediziner:innen, 17 Fachärzt:innen) in Tirol.
Gravierende Beispiele hierfür sind etwa eine seit nunmehr schon fünf
Jahren unbesetzte Kassenstelle für Psychiatrie in Kitzbühel sowie die
ab 01.04.2026 unbesetzte Kassenstelle für Augenheilkunde in Landeck,
die bereits breite mediale Aufmerksamkeit erfahren hat. Dr. Peter
Lidinsky, Kassenarzt für Allgemeinmedizin in St. Johann in Tirol,
schildert die Situation vor Ort: „In St. Johann gibt es drei Stellen
für Allgemeinmedizin, von denen eine jedoch unbesetzt ist. Zudem sind
im Bezirk Kitzbühel beide Stellen für Kinder- und Jugendheilkunde
unbesetzt, was zu einem zusätzlichen Problem in der Basisversorgung
führt.“
Zwtl.: Adäquate, faire Abgeltung gefordert
Wesentlicher Stellhebel für künftige Reformen ist das
Abrechnungssystem. So ermöglicht das bestehende Abrechnungssystem
eine adäquate Honorierung der Kassenärzt:innen nur durch eine
schnelle Behandlung von vielen Patient:innen, was der vielfach
geforderten Ausdehnung der Gesprächsmedizin entgegensteht.
Ein anschauliches Beispiel ist die „ausführliche therapeutische
Aussprache (ärztliches Gespräch)“: Diese wird für
Allgemeinmediziner:innen in höchstens 17 Prozent der Behandlungsfälle
honoriert, unabhängig davon wie hoch der Bedarf seitens der zu
betreuenden Patient:innen ist.
Weiters unterliegen Vertragsärzt:innen der ÖGK in puncto
Leistungsabrechnung in vielen Bereichen strengen Limitierungen,
welche im Widerspruch zu einer adäquaten Abgeltung der tatsächlich
behandelten Patient:innen stehen. So werden ab Überschreitung einer
bestimmten Anzahl von Leistungen die Tarife halbiert, wodurch die
notwendige Mehrarbeit sanktioniert wird. Dies betrifft in Tirol rund
24 Prozent der Kassen-Allgemeinmediziner:innen und 16 Prozent der
Kassen-Fachärzt:innen.
Tirols Ärztekammer-Präsident Dr. Stefan Kastner erklärt: „Die
Kassenärzt:innen sind zunehmend nicht länger bereit, weitere
Patient:innen zu versorgen, wenn diese nur noch zu 50 Prozent von der
ÖGK honoriert werden bzw. die Leistungen aufgrund von Limitierungen
gestrichen werden. Weiters gilt es zu berücksichtigen, dass die
Mehrarbeit in den Ordinationen insbesondere zu höheren Personalkosten
führt und die notwendige Ausdehnung der Öffnungszeiten die ohnehin
schon schwierige Suche nach Ordinationspersonal weiter verschärft.“
Zwtl.: PVE kein Allheilmittel – Kassensystem muss zukunftsfit werden
Wenn es nach der Politik und der Sozialversicherung geht, soll
der Ausbau der Primärversorgungseinheiten (PVE) Engpässe in der
Versorgungslandschaft abdecken. Hierbei gilt es allerdings zu
bedenken, dass die PVE zwar ein wichtiges Instrument in der
Patient:innenversorgung darstellen, jedoch kein Allheilmittel gegen
die aktuellen Versorgungsprobleme sind. Es bedarf demnach der
Bereitschaft der Sozialversicherungsträger, konkrete Maßnahmen zu
setzen, um das Kassensystem zukunftsfit zu machen. Nicht nur, um die
bestehenden Engpässe abzufedern, sondern auch, um die Umsetzung der
vonseiten der Politik angekündigten Verlagerung der
Patient:innenversorgung – im Sinne der Entlastung der
Krankenhausambulanzen – in den niedergelassenen Bereich zu
gewährleisten.