Unterstützung für BM Wiederkehr – ExpertInnen für eigenes Unterrichtsfach Medienbildung

Wien (OTS) – Die Vorschläge zur Lehrplanänderungen haben in den
vergangenen
Wochen für intensive und teils sehr emotionale Debatten gesorgt.
Besonders die mögliche Einschränkung des Unterrichtsfachs Latein hat
die Gemüter bewegt. Im Zentrum der Diskussion steht jedoch vor allem
die geplante Einführung von Medienbildung als eigenständigem Fach an
den AHS. Um die Auseinandersetzung auf eine sachliche Ebene zu heben,
hat sich nun die „Initiative Medienbildung. Jetzt“ formiert. Ihre
Expertinnen und Experten aus unterschiedlichen Disziplinen sehen in
den Vorschlägen des Bildungsministeriums durchaus viel Positives.

Keine Nebensache

„Medien sind für Menschen keine Nebensache, denn Menschen können
sich mit sich selbst und mit anderen nur mit Medien verständigen. Das
fängt mit Gebärden an und geht über die gesprochene Sprache bis zu
Handynachrichten. Medien sind für Bildung unverzichtbar“, erklärt
Christian Swertz , Universitätsprofessor für Medienpädagogik. „Mit
einem eigenen Unterrichtsfach wird es endlich möglich, verschiedene
Mediensprachen wie die Filmsprache oder die Social-Media-Sprache zu
vermitteln. Damit können die Souveräne der Demokratie lernen, wie sie
in Wirtschaft, Staat, Freundeskreis und Familie frei, solidarisch und
selbstständig handeln können“, so der Experte.

Demokratiestärkend

Unterstützt wird die Initiative auch von Kenan Güngör . Er ist
Soziologe und Berater für migrationsgeprägten gesellschaftlichen
Wandel: „Mit der rasanten Entwicklung Künstlicher Intelligenz stehen
wir vor einem technologischen Umbruch historischen Ausmaßes – mit
großen Chancen und erheblichen Risiken. Dieser Wandel wird auch die
Schule grundlegend verändern. Entscheidend ist daher nicht, ob wir
diese Entwicklung wollen, sondern ob wir sie demokratiestärkend
gestalten.“ Für ihn sind heute digitale Räume zentrale
Sozialisationsorte – und zugleich auch Treiber von Polarisierung.
„Auch unter Jugendlichen zeigen sich verstärkt abwertende, autoritäre
und identitär zugespitzte Haltungen. In migrationsgeprägten
Gesellschaften verschärfen unterschiedliche normative Orientierungen
diese Dynamiken. Algorithmen belohnen Empörung und moralische
Eindeutigkeit – nicht Differenzierung. Die humanistische Bildung wie
auch die systematische Auseinandersetzung mit Medienlogiken, KI und
demokratischer Verantwortung ist für die Zukunftsfähigkeit unserer
Gesellschaft unverzichtbar. Deshalb sollte Medien- und
Demokratiebildung integraler Bestandteil der schulischen Bildung
sein. Es braucht kritische KI- und Algorithmuskompetenz, die
Förderung von Ambiguitätstoleranz und demokratischer Urteilskraft
sowie eine reflektierte Verknüpfung digitaler und analoger
Erfahrungsräume.“

Digitale Mündigkeit

„Medienkompetenz bedeutet mehr als technische Fertigkeiten. Sie
umfasst Selbstwahrnehmung im digitalen Raum, den reflektierten Umgang
mit Vergleich und Selbstdarstellung, das Erkennen manipulativer
Inhalte und algorithmischer Verstärkungsmechanismen, die Fähigkeit
zur Grenzsetzung sowie die emotionale Einordnung digitaler
Erfahrungen“, erklärt Béa Pall , Psychotherapeutin und
Präsidiumsmitglied des Österreichischen Bundesverbands für
Psychotherapie (ÖBVP). „Medienbildung ist daher immer auch
Demokratiebildung. Ein zu früher, unreflektierter Eintritt in soziale
Medien kann demokratische Entwicklungsprozesse gefährden, wenn
emotionale Zuspitzung, Schwarz-Weiß-Denken und algorithmische
Verstärkung unkritisch übernommen werden.“ Aus diesem Grund fordert
die Expertin u. a. begleitende Maßnahmen wie die verbindliche
Verankerung von Medien- und Demokratiebildung in allen Schulstufen,
eine qualitätsgesicherte Elternbildung, den Ausbau der psychosozialen
Versorgung für Kinder und eine klare gesetzliche Verantwortung der
Plattformbetreiber.

Eigenständige Fertigkeit

Für Alexander Zach , Unternehmer und Koordinator der Initiative,
ist Medienbildung kein „Nebenbei“ und keine Querschnittsmaterie. Man
kann Medienbildung nicht mitlernen, so wie man Fremdsprachen nicht
mitlernen kann. „Medienkompetenz ist eine eigenständige Fertigkeit –
auf Augenhöhe mit einer Fremdsprache oder Naturwissenschaften. Denn
damit eine Kompetenz zentral ist, braucht sie Raum, Systematik und
Verbindlichkeit.“ Im Namen der Initiative fordert er:

– Ein eigenes Schulfach “Medienbildung und Demokratie” mit klarem
Fokus auf (soziale) Medien, psychische Gesundheit, Radikalisierung
und Desinformation von Jugendlichen

– Pädagoginnen und Pädagogen gezielt ausbilden, damit Medienbildung
und Demokratie von Beginn an umfassend unterrichtet wird

– Mehr Medienbildungsstunden einführen und Medienkompetenz in allen
anderen Unterrichtsgegenständen fördern

– Medien und Demokratie ab der Sekundarstufe I verankern, damit sich
alle Kinder und Jugendlichen bereits ab der Mittelschule oder dem
Gymnasium intensiv mit Demokratie auseinandersetzen

– Echte Mitbestimmung in der Schule ausbauen, weil erlebte
Beteiligung Demokratieverständnis, Selbstwirksamkeit und
Verantwortungsbewusstsein stärkt

– Medienkompetenz als Schutzfaktor gegen problematische Nutzung und
als Handlungsfaktor für souveränes Medienhandeln

www.medienbildung.info