Bad Leonfelden, 13.02.2026 (OTS) – Milchmarkt außer Kontrolle –
Politik darf nicht länger wegschauen
Sehr geehrter Herr Bundeskanzler,
sehr geehrter Herr Vizekanzler,
sehr geehrter Herr Bundesminister,
der österreichische Milchmarkt steckt in einer schweren Krise.
Übermengen und massiver Preisdruck sind kein kurzfristiger Ausreißer,
sondern das Ergebnis jahrelanger politischer Untätigkeit. Was wir
erleben, ist nicht Zufall, sondern systembedingt.
Die IG-Milch weist seit Jahren darauf hin, dass ein ungeregelter
Milchmarkt zwangsläufig zu Überproduktion, Preisverfall und
existenzbedrohenden Situationen für bäuerliche Betriebe führt. Diese
Warnungen wurden wiederholt ignoriert. Statt gegenzusteuern, wurde an
einer mengengetriebenen Strategie festgehalten, obwohl die Märkte
längst gesättigt sind.
Übermengen schwächen die Verhandlungsmacht der Erzeugerinnen und
Erzeuger massiv. Der Lebensmitteleinzelhandel registriert volle
Märkte sofort und nutzt sie konsequent für Preissenkungen. Zusätzlich
wirken europäische Übermengen und billig importierte Milchprodukte
als permanenter Preisdruck nach unten – unabhängig von regionaler
Qualität oder Produktionsstandards. Mehr Milch schwächt, weniger
Milch stärkt.
Trotz dieser Erfahrungen wird weiterhin behauptet, der freie
Markt werde Angebot und Nachfrage regeln. Die Realität widerlegt
diese Annahme seit Jahren. Der Milchmarkt zeigt exemplarisch, dass
ein ungeregelter Markt nicht zu Stabilität führt, sondern zu
wiederkehrenden Krisen – bezahlt von den Bäuerinnen und Bauern.
Mit Artikel 148 der Gemeinsamen Marktordnung steht seit Jahren
ein rechtliches Instrument zur Verfügung, das verpflichtende
Vereinbarungen über Preise und Mengen vor der Lieferung ermöglichen
würde – genutzt wird es bislang nicht. Es ist daher nicht zutreffend,
dass der Politik keine wirksamen Instrumente zur Verfügung stünden.
Mit dem freiwilligen Lieferverzicht sieht die EU-Agrarmarktordnung
zudem ein bewährtes Kriseninstrument vor, das direkt bei der Ursache
ansetzt: der Überproduktion. Dass diese Instrumente nicht genutzt
werden, ist keine technische, sondern eine politische Entscheidung.
Die IG-Milch fordert daher erneut und mit Nachdruck die
Einführung einer verbindlichen, wirksamen Mengensteuerung. Ein
System, das vorbeugend wirkt, transparent funktioniert und auch
Konsequenzen vorsieht. Freiwillige Appelle im Krisenfall sind kein
Ersatz für politische Gestaltung. Es geht nicht um Ideologie, sondern
um Verantwortung. Um die Frage, ob die Politik bereit ist, aus
wiederkehrenden Krisen zu lernen – oder weiterhin zusieht, wie
bäuerliche Existenzen unter wirtschaftlichen Druck geraten.
Der Milchmarkt braucht Regeln, bevor er endgültig kollabiert. Die
IG-Milch ist bereit, an Lösungen mitzuwirken. Politisches Zuwarten
können wir nicht länger akzeptieren.
Mit freundlichen Grüßen
Ewald Grünzweil e.h.
für die IG-Milch
Ergeht an: Bundeskanzleramt, Vizekanzleramt,
Landwirtschaftsministerium, Obmänner und/oder Geschäftsführungen der
größten Molkereien und des Lebensmitteleinzelhandels