Wien, Graz (OTS) – Die Auseinandersetzung mit verschiedenen Aspekten
der NS-
Vergangenheit ist in Österreich inzwischen Teil des öffentlichen
Diskurses, auch was die Gebäude und Infrastrukturen betrifft, in
denen Verbrechen stattgefunden haben. Das trifft zumindest auf
bekannte Orte des Grauens wie die Konzentrationslager in Mauthausen
oder Gusen oder das Hotel Métropole am Wiener Morzinplatz zu.
Weniger im Fokus stehen vielleicht unauffällige Amtsgebäude, die
vielfach heute noch als solche genutzt werden, beispielsweise als
Bezirksgerichte oder Polizeistationen. Dabei haben auch sie eine
zentrale Rolle bei der Ausübung von Terror, Gewalt, Ermordung und
Unterdrückung gespielt. Diese Gebäude befinden sich nicht nur in
Wien, viele sind direkt mit der Zeitgeschichte der heimischen
Bezirkshauptstädte verbunden.
„Genau hier setzt unser Forschungsprojekt ‚Kontaminiertes Erbe?‘
an, denn im Eigentum der BIG stehen zahlreiche dieser Amtsgebäude“,
erklärt BIG Geschäftsführerin Christine Dornaus .
Und weiter: „Was dort passiert ist und vor allem, was dort mit
den Menschen passiert ist, rollen wir jetzt mit wissenschaftlicher
Begleitung des Ludwig Boltzmann Instituts für Kriegsfolgenforschung
auf. Als BIG übernehmen wir umfassende Verantwortung für unsere
Häuser und dazu zählt auch die gesellschaftliche Verpflichtung, uns
mit ihrer Geschichte auseinanderzusetzen.“
BIG Geschäftsführer Gerald Beck : „Die BIG hat aktuell über 1.200
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und sie alle sind auf irgendeine Art
mit ‚ihren‘ Häusern verbunden; viele haben ihren Arbeitsplatz sogar
direkt in dem Haus, das sie betreuen. Umso wichtiger ist es, dass
auch unsere Kolleginnen und Kollegen die Geschichte der Gebäude
kennen und sie erzählen können. Sie sind ein wesentlicher Teil beim
Vorhaben, dem wir uns 2026 widmen, nämlich der Vermittlung der
Geschichte unserer Gebäude.“
Danielle Spera , Expertin für jüdische Geschichte, hat die
Bundesimmobiliengesellschaft von Anfang an bei ihren Vorhaben
begleitet und der Dringlichkeit der Aufarbeitung Nachdruck verliehen:
„Wir stehen an einem historischen Wendepunkt: Mit den letzten
Zeitzeuginnen und Zeitzeugen gehen auch persönliche Erinnerungen
verloren und Warnzeichen verblassen. Gleichzeitig erleben wir eine
politische Gegenwart, in der nationalistische Stimmen wieder lauter
werden. Umso wichtiger ist es, die Lebensläufe von Menschen
aufzuarbeiten und zu erzählen, um sie nachspüren zu können. Diese
sind vielfach auch mit den Gebäuden verbunden, die – freiwillige und
unfreiwillige – Stationen auf ihrem Lebensweg waren. So wird
Geschichte lebendig und wir erzeugen Achtsamkeit. Der Beitrag, den
die BIG jetzt dazu leistet, ist mir ein persönliches Anliegen.“
Spera ist auch Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirats, der
das Forschungsprojekt begleitet.
Zwtl.: Zwei von 74 Gebäuden nicht belastet
Umgesetzt hat das Pilotprojekt das Ludwig Boltzmann Institut für
Kriegsfolgenforschung, das sich bei einer Ausschreibung als bester
Partner herauskristallisiert hat. Dornaus: „Das Ludwig Boltzmann
Institut konnte exzellente Forschungsergebnisse vorweisen und
passende Referenzprojekte vorlegen. Wirklich entscheidend war aber
die Erfahrung des Instituts mit Auftraggebern, die, wie wir, selbst
keine Wissenschaftlerinnen oder Zeithistoriker sind.“
Um einen pragmatischen Einstieg in die Thematik zu schaffen,
wurde zunächst eine Pilotstudie konzipiert, die ein Sample von 74
Gebäuden umfasst. Im Zuge der Pilotstudie wurden einen eine
Systematik und ein Kriterienkatalog erarbeitet, die eine schnelle
Einordnung der Gebäude ermöglichen.
Die Gebäude mussten vor 1945 errichtet worden sein, eine
Mindestgröße von 500 m² haben (bessere Quellenlage als bei kleineren
Gebäuden wird vermutet) und es mussten zumindest Verdachtsmomente auf
NS-Nutzung bestehen, wovon bei Amtsgebäuden ausgegangen werden kann.
Der Kriterienkatalog umfasst folgende Fragen:
1. Wurde dieser Ort durch eine NS-Behörde genutzt?
2. Stand dieser Ort unter Hoheit der NS-Justiz?
3. Gab es an diesem Ort eine erzwungene oder unter Druck erfolgte
Eigentumsübertragung?
(Als Indikator für eine Kontamination des Gebäudes; das Thema
Restitution wurde schon vor Jahren verantwortungsvoll abgeschlossen;
sollten im Zuge des Projekts trotzdem Unklarheiten in Bezug auf
Restitution aufkommen, wird dem selbstverständlich nachgegangen.)
4. Fand an diesem Ort die Anwendung physischer Gewalt statt?
5. Gab es an diesem Ort zwanghafte Unterbringungen?
6. War dieser Ort ein Ausgangspunkt für Deportationen?
7. War diese Liegenschaft ein Ort mit Todesfolge oder ein
Ausgangspunkt dafür?
Barbara Stelzl-Marx , Leiterin des Ludwig Boltzmann Instituts für
Kriegsfolgenforschung und Professorin für Zeitgeschichte an der
Universität Graz, hat das Pilotprojet verantwortet: „Der
Kriterienkatalog ist auch für die Fachwelt neu. Er bildet die
Grundlage für den historischen Geigerzähler, den wir an die einzelnen
Liegenschaften halten, um zu sehen, kommt es zu einem Klicken oder
Knacken im übertragenen Sinn, d.h. liegt eine Kontamination vor. Von
den 74 ausgewählten Gebäuden sind zwei nach derzeitigem
Erkenntnisstand nicht belastet. Dies war überraschend, da wir bei
allen Objekten mit einer Kontaminierung gerechnet haben.“
Und weiter: „Bei vielen der Themen beleuchten wir große Lücken in
der österreichischen Zeitgeschichteforschung, etwa bei den
Bezirksgerichten – wie in Deutschlandsberg – oder auch bei
Institutionen wie der Mercurbank in der Wollzeile 1-3. Hier wird
Pionierarbeit geleistet. Zugleich sind diese Gebäude Seismographen
des gesellschaftlichen Umgangs mit der Vergangenheit. Auf den ersten
Blick sind die Spuren aus der NS-Zeit unsichtbar. Wir haben aber
hinter die Fassaden geblickt und zu jedem einzelnen Objekt
hochinteressante Unterlagen gefunden. Ich freue mich sehr, dass diese
Forschungen von der BIG ermöglicht wurden und dass wir nun in die
Phase der Vermittlung kommen.“
Die Geschichten zu den untersuchten Häusern liegen jetzt vor, sie
werden sukzessive mittels Online-Landkarte verfügbar gemacht.
Beck: „Unser Projekt ist keines für die Schublade – wir wollen
die Menschen erreichen, die in unseren Gebäuden arbeiten oder
beispielsweise Amtswege erledigen. In der Vermittlung dieses Wissens
werden uns Danielle Spera und das Ludwig Boltzmann Institut für
Kriegsfolgenforschung auch 2026 begleiten. Gemeinsam werden wir uns
ansehen, wie unsere Botschaften am besten bei den Empfängerinnen und
Empfängern ankommen.“
Folgende digitale und analoge Maßnahmen sind, abseits der
Bespielung klassischer Corporate Kanäle, geplant:
– Mittelpunkt der Vermittlungsarbeit eine Online-Landkarte, in der
die untersuchten Objekte verzeichnet sind; sie existiert schon als
Testversion und wird laufend erweitert;
Ziel ist es, die Geschichte der Gebäude auf niederschwellige und doch
wissenschaftlich exakte Art zu erzählen und zu bebildern
– Dazu kommen Informationstafeln an den Gebäuden und Print-
Infomaterial, beides wird mit QR-Codes versehen, die auf die
detailliertere Beschreibung in der Online-Landkarte verlinken
– In ausgewählten Häusern sind Informationsveranstaltungen und
Dialogformate geplant
Die Vermittlung soll langfristig zur Erinnerungskultur beitragen.
Link zur Online-Landkarte (in Arbeit):
Zwtl.: Eckdaten:
– Titel des Projekts: „Kontaminiertes Erbe? NS-zeitlich belastete
Liegenschaften der Bundesimmobiliengesellschaft“
– Forschungsinstitut: Ludwig Boltzmann Institut für
Kriegsfolgenforschung
– Auftraggeber: Bundesimmobiliengesellschaft
– Projektlaufzeit: Juli 2024 bis September 2025
– Präsentation der Ergebnisse vor dem wissenschaftlichen Beirat:
Oktober 2025 – anschließend Studium des Endberichts und Freigabe
durch den wissenschaftlichen Beirat
– Präsentation der Ergebnisse für die Öffentlichkeit: Februar 2026
Zwtl.: Wissenschaftlicher Fachbeirat:
– Danielle Spera , Vorsitzende des Fachbeirats,
Kommunikationswissenschaftlerin und Journalistin, Expertin für
jüdische Geschichte
– Elizabeth Anthony , Direktorin, Jack, Joseph, and Morton Mandel
Center for Advanced Holocaust Studies at the United States Holocaust
Memorial Museum
– Awi Blumenfeld , Leitung Institut Jüdische Religion an der KPH Wien
/ Krems, Vorstand der historischen Kommission Conference on Jewish
Material Claims against Germany in Tel Aviv / Wien / Berlin
– Barbara Glück , Direktorin der KZ-Gedenkstätte Mauthausen
– Peter Höflechner , Immobilienexperte, BIG Konsulent
– Edward Van Voolen , Kunsthistoriker und Rabbiner, Amsterdam /
Berlin