Wien (OTS) – „Österreich steht in der Augenheilkunde vor einer
doppelten
Herausforderung: Der Versorgungsbedarf steigt durch demografische
Entwicklungen und eine deutliche Zunahme der Kurzsichtigkeit bei
Kindern, gleichzeitig drohen Engpässe bei Personal und Ressourcen“,
erklärt MR Dr. Gabriela Seher, Präsidentin der ÖOG und ergänzt: „Die
gemeinsame Verantwortung für die Augengesundheit nehmen wir sehr
ernst, daher haben wir als medizinisch-wissenschaftliche
Fachgesellschaft zum ersten Mal in Österreich ein ‚Weissbuch
Augenheilkunde‘ erstellt. Darin skizzieren wir die dringendsten
Handlungsfelder und zeigen, welche Maßnahmen jetzt notwendig sind, um
vermeidbaren Sehverlust zu verhindern und eine flächendeckende,
qualitativ hochwertige Versorgung langfristig abzusichern.“
Zwtl.: Steigender Bedarf trifft auf drohenden Fachärzt:innenmangel
Bereits 2019 wurden in Österreich rund 770.000
Augenuntersuchungen in Spitalsambulanzen sowie etwa 160.000
stationäre Aufenthalte aufgrund von Augenerkrankungen verzeichnet –
Tendenz steigend. Gleichzeitig ist die augenärztliche Versorgung
zunehmend unter Druck: In den kommenden Jahren steht eine
Pensionierungswelle bevor, wodurch rund 250 Augenärzt:innen bis 2027
wegfallen könnten.
Die demografischen Daten verschärfen die Situation zusätzlich:
Der Anteil der über 65-Jährigen lag 2024 bei rund 19 %, bis 2030 wird
mit über 23 % gerechnet. Da altersbedingte Augenerkrankungen
überdurchschnittlich häufig in höheren Lebensjahren auftreten, ist
eine strategische Neuausrichtung der Versorgung erforderlich.
Zwtl.: Gefahr: Ausverkauf der sozialen Medizin durch private Ketten
„Sehr kritisch sehen wir auch die Entwicklung in einigen
Nachbarländern, wo es schrittweise zum Ausverkauf der sozialen
Medizin kommt: Praxen und OP-Zentren geraten in die Hand
profitorientierter, ausländischer Private-Equity-Ketten, die
öffentliche Versorgungsstrukturen nutzen, um Renditen zu erzielen –
häufig auf Kosten der Patientinnen und Patienten durch zusätzliche
Zahlungen. Diese Entwicklung ist problematisch und keinesfalls
nachahmenswert,“ so ÖOG Präsidentin Seher weiter.
Zwtl.: Früh erkennen, wirksam behandeln! Große Chancen – wenn
Strukturen passen
Das Weissbuch betont, dass frühe Diagnostik bei vielen
Augenerkrankungen entscheidend ist, weil Sehverlust häufig
irreversibel verläuft. Moderne Verfahren wie optische
Kohärenztomographie (OCT) und der gezielte Einsatz KI-gestützter
Diagnoseunterstützung können dabei helfen, Erkrankungen früher zu
erkennen und Therapien präziser zu steuern.
Gleichzeitig zeigt das Weissbuch anhand zentraler Erkrankungen
den Handlungsdruck:
– Katarakt (Grauer Star): In Österreich werden jährlich rund 120.000
Kataraktoperationen durchgeführt; Hochrechnungen gehen davon aus,
dass bis zu 85 % der Menschen über 65 im Laufe ihres Lebens eine
Katarakt-OP benötigen könnten.
– Glaukom (Grüner Star): Die Zahl der Betroffenen wird auf rund
90.000 geschätzt (Stand 2023) – etwa die Hälfte davon weiß nichts von
der Erkrankung.
– Altersbedingte Makuladegeneration (AMD), Myopie, diabetische
Retinopathie: Diese Erkrankungen zählen zu den häufigsten Ursachen
für schwere Sehbeeinträchtigungen und können unbehandelt bis zur
Erblindung führen; moderne Therapien erfordern jedoch ausreichende
Kapazitäten und verlässliche Strukturen.
Zwtl.: Vier zentrale Anliegen für eine zukunftsfähige Augenversorgung
Im Weissbuch formuliert die ÖOG vier Schwerpunkte, die gemeinsam
von Gesundheitspolitik, Sozialversicherung und Versorgungspartnern
vorangetrieben werden sollen:
1. Prävention – österreichweite Vorsorge stärken
Die ÖOG empfiehlt eine breit angelegte Informationskampagne zur
Augengesundheit, gezielte Untersuchungen bei Kindern (insbesondere
Myopie-Screenings in Kindergarten und Volksschule) sowie eine bessere
augenärztliche Betreuung älterer und hilfsbedürftiger Menschen, etwa
in Pflegeeinrichtungen.
2. Qualität – Finanzierung sichern, Zusammenarbeit ausbauen
Eine nachhaltige Versorgung braucht ausreichende Ressourcen,
evidenzbasierte Therapien und medizinisch indizierte Heilbehelfe (z.
B. Brillen, Kontaktlinsen) sowie die enge Kooperation zwischen intra-
und extramuralem Bereich . Digitalisierung (z. B. Vernetzung,
Register) soll helfen, Ressourcen effizient einzusetzen – ohne die
medizinische Versorgung von profitorientierten Interessen abhängig zu
machen.
3. Ausbildung – modern, bedarfsorientiert, international
anschlussfähig
Gefordert werden bedarfsorientierte Ausbildungsstrukturen und die
Modernisierung der Ausbildung. Zudem wird die schrittweise
Anerkennung der europäischen Fachärzt:innenprüfung ( FEBO ) als
Äquivalent zur österreichischen Facharztprüfung als wichtiger
Baustein zur Qualitätssicherung und Mobilität genannt.
4. Perspektiven – klare Strukturen und faire Arbeitsbedingungen
Um den Nachwuchs zu sichern, braucht es attraktive, planbare
Rahmenbedingungen, Ressourcen- und Lohngerechtigkeit sowie den Erhalt
des freien Berufes. Gleichzeitig fordert das Weissbuch eine klare
Aufgabenverteilung zwischen Augenärzt:innen und anderen
Berufsgruppen, um Patient:innensicherheit und Qualität zu
gewährleisten.
Zwtl.: Appell der ÖOG: „Right to Sight“ braucht konkrete Umsetzung
„Die Weltgesundheitsorganisation WHO spricht vom globalen ‚Right
to Sight‘, damit ist der Kampf gegen vermeidbare Blindheit und
Sehverlust gemeint. Damit dieses Ziel auch in Österreich erreicht
werden kann, sind jetzt abgestimmte Schritte aller Stakeholder nötig
– von Prävention über Versorgungsstrukturen bis zur Personalplanung.
Nur so lassen sich vermeidbare Sehbeeinträchtigungen reduzieren und
die Lebensqualität der Bevölkerung langfristig sichern. Die ÖOG steht
bereit“, meint Seher abschließend.
Zwtl.: Über das Weissbuch
Das „Weissbuch Augenheilkunde – Gemeinsame Verantwortung für die
Augengesundheit“ wurde von der Österreichischen Ophthalmologischen
Gesellschaft (ÖOG) unter Mitwirkung von Expert:innen aus den ÖOG-
Kommissionen erstellt und bündelt Daten, Herausforderungen und
Lösungsansätze für eine zukunftsfähige augenärztliche Versorgung in
Österreich.