Wien (OTS) – Ein wissenschaftliches Team unter Leitung von Judit
Simon,
Professorin für Gesundheitsökonomie der MedUni Wien, hat im Rahmen
des WWTF-geförderten Projekts STREAMLINE erstmals Angebot, Nutzung
und Kosten von psychischen Gesundheitsdienstleistungen in Wien
umfassend untersucht. Die Ergebnisse zeigen strukturelle
Ungleichgewichte im Versorgungsangebot, regionale Unterschiede in der
Inanspruchnahme sowie fehlende Transparenz bei den tatsächlichen
Kosten einzelner Leistungen.
In einem ersten Schritt des 2023 gestarteten Projekts wurden alle
verfügbaren Angebote für Menschen mit psychischen Erkrankungen in
Wien systematisch erhoben und analysiert. Identifiziert wurden 368
Organisationen sowie rund 6.900 individuelle Leistungsanbieter:innen,
etwa Psychotherapeut:innen, Psycholog:innen und Fachärzt:innen für
Psychiatrie. Der Großteil der Angebote entfällt auf ambulante
Leistungen mit direktem Kontakt, also Behandlungen ohne stationären
Aufenthalt. Spezialisierte Angebote für bestimmte Altersgruppen oder
klar definierte Zielgruppen sind vergleichsweise selten. „Auffällig
ist zudem die starke räumliche Konzentration individueller
Leistungsanbieter:innen in innerstädtischen Bezirken, während
periphere Bezirke deutlich geringer versorgt sind“, berichtet
Studienleiterin Judit Simon, Leiterin der Abteilung für
Gesundheitsökonomie des Zentrums für Public Health der MedUni Wien.
Bei Fachärzt:innen für Psychiatrie überwiegen Wahlärzt:innen, deren
Leistungen zunächst selbst bezahlt werden müssen, was den Zugang
zusätzlich erschweren kann.
Deutliche regionale Unterschiede in Angebot und Nutzung
Auf Basis österreichweiter Verwaltungsdaten wurde zudem untersucht,
wie sich die Nutzung psychischer Gesundheitsleistungen zwischen 2018
und 2023 entwickelt hat. „Dabei zeigen sich deutliche regionale
Unterschiede, die sich nicht allein durch Alters- oder
Bevölkerungsstruktur erklären lassen“, so Co-Studienleiter Michael
Berger (Abteilung für Gesundheitsökonomie, Zentrum für Public Health,
MedUni Wien). Während die Verschreibung sogenannter psychotroper
Medikamente – das sind Arzneimittel, die auf das zentrale
Nervensystem wirken und die Psyche beeinflussen – bei Erwachsenen
leicht zurückging, nahm sie bei Kindern und Jugendlichen im gleichen
Zeitraum zu.
Die Analysen ergaben außerdem, dass die Inanspruchnahme stark
davon abhängt, welche Angebote im Wohnbezirk verfügbar sind. Eine
höhere Dichte an niedergelassenen Psychiater:innen ist mit kürzeren
Spitalsaufenthalten verbunden, zugleich aber auch mit einer höheren
Rate medikamentöser Behandlungen. In Wien zeigt sich ein
Missverhältnis zwischen Wohnorten mit höherem Therapiebedarf und der
tatsächlichen Verteilung der Leistungsanbieter:innen, insbesondere in
den äußeren Bezirken.
Empirische Grundlage für Planung und Steuerung der Versorgung
Ergänzend dazu wurden erstmals sogenannte Referenzkosten für
ausgewählte Leistungen im Bereich psychischer Erkrankungen berechnet.
Referenzkosten beschreiben die durchschnittlichen tatsächlichen
Kosten einer Leistung auf Basis des eingesetzten Personals, der
Infrastruktur und weiterer Ressourcen und unterscheiden sich damit
von bloßen Tarif- oder Erstattungssätzen. „Unsere Ergebnisse zeigen,
dass bestehende Tarife die tatsächlichen Kosten der
Leistungserbringung nicht immer abbilden“, betont Co-Studienleiterin
Susanne Mayer (Abteilung für Gesundheitsökonomie, Zentrum für Public
Health, MedUni Wien). Gleichzeitig wurde deutlich, dass fehlende oder
schwer zugängliche Kostendaten die gesundheitspolitische Planung
erschweren.
„Insgesamt zeigen unsere Analysen, dass verlässliche,
harmonisierte und öffentlich zugängliche Informationen zu Angebot,
Nutzung und Kosten eine zentrale Voraussetzung für eine
bedarfsgerechte Planung und Steuerung der psychischen
Gesundheitsversorgung sind. Die STREAMLINE-Ergebnisse liefern dafür
eine neue empirische Grundlage und machen sichtbar, wo bestehende
Strukturen den Zugang zu Leistungen erschweren oder regional
unausgewogen sind“, fasst Judit Simon die Bedeutung der in
Zusammenarbeit mit dem Austrian Institute for Health Technology
Assessment (AIHTA), der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) und der
Universität von Loyola durchgeführten Analysen zusammen.
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