Wien (OTS) – In der frühen Bronzezeit vor über 4.000 Jahren gaben
Menschen in
Mitteleuropa ihren Verstorbenen kleine Schätze mit in ihre Gräber:
filigrane Perlen aus Muscheln, Schneckenhäusern und Glas, glänzende
Nadeln und Dolche aus Bronze sowie Haarringe aus Gold. Diese
Gegenstände waren mehr als nur Schmuckstücke – sie drückten
Identität, Status und weitreichende Verbindungen aus. Das
internationale Forschungsprojekt „Fäden der Vergangenheit: Schmuck in
Gräbern der frühen Bronzezeit” rückte diese unscheinbaren Objekte nun
ins Rampenlicht und ab sofort ist dieser Schmuck in zwei neuen
Vitrinen im Saal 11 des NHM Wien für die Öffentlichkeit ausgestellt.
Ein Team aus polnischen und österreichischen Forscher*innen der
Polnischen Akademie der Wissenschaften, der Adam-Mickiewicz-
Universität Poznań, der Österreichischen Akademie der Wissenschaften,
der Universität Wien (VIAS) und des Naturhistorischen Museums Wien
untersuchte in einem zweijährigen Forschungsprojekt die
Schmuckensembles der bedeutenden frühbronzezeitlichen Gräberfelder
von Gemeinlebarn (Niederösterreich) und Krzyżanowice Dolne 81 (Polen)
. Gefördert wurde das Projekt von der Polnischen Nationalagentur für
Akademischen Austausch und dem OeAD. Ziel war es zu verstehen, wie
diese Ornamente getragen, auf der Kleidung befestigt und im Grab
arrangiert worden waren – und welche Geschichten sie über das Leben
der Menschen jener Zeit erzählen.
Im Zentrum standen Perlen und Anhänger aus Muscheln und
Schneckenhäusern. Die Analyse mikroskopischer Bearbeitungsspuren
belegt, wie unterschiedlich die Handwerker*innen bei der Herstellung
vorgingen: In Gemeinlebarn wurden Schneckenhäuser lediglich an einer
Seite angeschliffen, sodass ein Loch entstand. Ihre Form blieb
erhalten. Anschließend wurden die Schnecken auf Textilen aufgenäht.
In Krzyżanowice hingegen wurden große Muscheln zunächst in Stücke
gebrochen, zu kleinen Plättchen zugeschnitten, durchbohrt und zuletzt
zu runden Scheibenperlen geschliffen. Die Position der Perlen
innerhalb der Bestattungen zeigt an, dass sie aufgefädelt und als
Ketten getragen wurden. Teilweise fanden sich in den Perlen auch noch
Spuren mineralisierter Pflanzenfasern und Fadenreste. Für die
Forschung sind diese Überreste ein Glücksfall, da sie sehr selten
erhalten sind und neue Einblicke in die Kleidung und Schmuckpraxis
der frühen Bronzezeit eröffnen.
Zugleich zeigen die Schmuckstücke ein dichtes und weites Netz von
lokalen und überregionalen Beziehungen auf. Die Scheibenperlen in den
Gräbern aus Krzyżanowice wurden etwa aus Süßwassermuscheln
geschnitzt, welche die Menschen in lokalen Flüssen aufsammelten. Im
Gegensatz dazu handelt es sich in Gemeinlebarn um Schnecken der
Gattung Columbella rustica , die von den Küsten des Mittelmeeres
stammen.
Diese Entdeckungen zeigen: Die Bronzezeit war keine isolierte
Welt, sondern ein lebendiges Geflecht mit weitverbundenen Fäden aus
Kontakten, Ideenaustausch und handwerklicher Meisterschaft.
Noch bis zum 14.02.2026 können die Ergebnisse des Projektes
„Fäden der Vergangenheit” in Saal 11 des Naturhistorischen Museums
Wien bewundert werden.
Pressematerial und Bilder: Naturhistorisches Museum Wien –
Pressemitteilung-Detailseite
Wissenschaftlicher Rückfragehinweis:
Dr. Caroline Posch
Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Prähistorische Abteilung
Tel.: + 43 (1) 521 77 – 288 I https://www.nhm.at/caroline_posch