Bildungsausschuss: Von der Deutschförderung bis zu Nachschärfungen bei der Zentralmatura

Wien (PK) – Themen wie der Ausbau von psychologischen Angeboten und
der
Sozialarbeit an Schulen, das geplante Kopftuchverbot für Mädchen
unter 14 Jahren, die verpflichtende Einführung der Sommerschulen
sowie geplante Nachschärfungen bei der Zentralmatura standen im Fokus
einer aktuellen Aussprache mit Minister Christoph Wiederkehr in der
heutigen Sitzung des Bildungsausschusses . Ein zentrales Vorhaben sei
die Weiterentwicklung der Deutschförderung, betonte der Minister, der
für eine Entideologisierung der Debatte eintrat. Auch wenn es eine
Trendwende bei der Anzahl an außerordentlichen Schülerinnen und
Schülern gebe, müssten die Anstrengungen verstärkt werden, denn die
deutsche Sprache sei der Schlüssel für den Bildungserfolg.

Einen breiteren Raum nahm die im Jahr 2024 beschlossene
Neugestaltung der Pädagoginnen- und Pädagogenbildung ein, zumal dazu
ein Bericht des Qualitätssicherungsrats vorlag. Dessen Vorsitzender
Universitätsprofessor Andreas Schnider war als Auskunftsperson in den
Ausschuss geladen und nahm zu den zahlreichen Fragen der Abgeordneten
Stellung. Der einstimmig zur Kenntnis genommene Bericht wurde auf
Antrag der NEOS nicht enderledigt und wird daher auch im
Nationalratsplenum noch einmal behandelt werden.

Aktuelle Aussprache: Fragen zu Mobbing, Personalressourcen und
Strafen

Nico Marchetti (ÖVP) erkundigte sich nach den Plänen zur
Weiterentwicklung der Deutschförderung, während Petra Tanzler (SPÖ)
die Sommerschulen ansprach. NEOS-Vertreterin Fiona Fiedler
interessierte sich für die Bereiche Schulpsychologie,
Schulsozialarbeit, Kinderschutz und Erinnerungskultur.

Ricarda Berger (FPÖ) übte Kritik am Vorschlag der
Regierungsfraktionen zum sogenannten Kopftuchverbot an den Schulen,
da die Lehrpersonen davon ausgenommen seien. Sie wünschte sich auch
strengere Strafen für unkooperative Eltern und schlug diesbezüglich
das Streichen von Sozial- und Transferleistungen vor. Katayun Pracher
-Hilander (FPÖ) forderte ein strengeres Vorgehen bei Mobbing in der
Schule und plädierte vor allem für präventive Maßnahmen.

Sigrid Mauer (Grüne) lobte die geplante Reform der
Deutschförderung, sah jedoch Probleme bei den Personalressourcen.
Ihrer Information nach seien erst 285 von den zusätzlichen 750
Planstellen geschaffen worden.

Wiederkehr informiert über aktuelle Vorhaben

Bildungsminister Christoph Wiederkehr ging nicht nur auf die
einzelnen Fragen der Abgeordneten ein, sondern gab auch einen kurzen
Überblick über die aktuellen Vorhaben seines Ressorts. Wie bereits
bekannt sei, werde es Änderungen bei der Deutschförderung geben,
wobei vor allem die Schulautonomie ausgebaut werden solle. Durch die
Umsetzung von Konzepten, die an die Bedürfnisse der Standorte
angepasst seien, erwarte er sich auch bessere Ergebnisse. Um dies zu
gewährleisten, habe die Regierung einen „dynamischen Rahmen“ von
1.300 Planstellen vorgesehen. Der Stadt Wien seien etwa 500
Förderkräfte zugewiesen worden. Erfreulich sei auch die Verdoppelung
der Stellen für die Schulpsychologie sowie die zusätzlichen 65
Planstellen für Schulsozialarbeit. Überdies sollten Schulen etwa bei
Mobbing-Problemen ab nächstem Jahr auf Expertise von außen zugreifen
können, kündigte der Minister unter Verweis auf das neue Programm
„Starke Schule, starke Gesellschaft“ an.

Das von den Regierungsfraktionen in die Wege geleitete
Kopftuchverbot soll für alle Minderjährigen bis 14 Jahre gelten, um
die freie Entwicklung von jungen Mädchen zu ermöglichen. Da
Jugendliche ab 14 Jahren religionsmündig seien, solle es auch keine
Regelung für Erwachsene geben. In Richtung der Freiheitlichen teilte
der Minister weiter mit, dass die Strafrahmen bei „Schulschwänzen“
erhöht würden. Generell halte er Verwaltungsstrafen für besser als
Eingriffe in Sozialleistungen. Außerdem würde ein zweites
verpflichtendes Kindergartenjahr, wie dies bereits geplant sei, die
Integration erleichtern.

Die von SPÖ-Mandatarin Petra Tanzler angeführten Sommerschulen
bezeichnete Wiederkehr als ein Erfolgsprojekt, da sie sowohl gut
angenommen worden seien als auch gute Ergebnisse geliefert hätten. Im
nächsten Jahr soll deren Besuch für alle jene Kinder verpflichtend
sein, die nicht genügend Deutsch können. Wie bereits angekündigt,
solle auch bei der Zentralmatura nachgeschärft werden, informierte
der Ressortchef. So soll künftig bei der mündlichen Matura neben der
Berücksichtigung der Jahresnote eine gewisse Mindestleistung erbracht
werden müssen.

Da ihm der Bürokratieabbau im Bildungswesen ein großes Anliegen
sei, sei die Initiative „Freiraum Schule“ gestartet worden, an der
sich bereits über 19.000 Personen beteiligt hätten, teilte Wiederkehr
Abgeordneter Martina von Künsberg Sarre (NEOS) mit. Dabei sollen
unter anderem auch Lösungen für die von Christian Schandor (FPÖ)
vorgebrachten Probleme bei der Abrechnung von Sprachreisen erarbeitet
werden. Ein weiteres zentrales Vorhaben sei der Bildungsrahmenplan
Elementarpädagogik, zu dem es ebenfalls 2.000 Rückmeldungen gegeben
habe. Ebenso wie Silvia Kumpan-Takacs (SPÖ) war Wiederkehr der
Meinung, dass es hier aufgrund des eklatanten Personalmangels
Handlungsbedarf gebe. Für eine neue Ausbildungsoffensive seien Mittel
in der Höhe von 28 Mio. Ꞓ reserviert. Neben weiteren Förderungen und
Stipendien solle auch der Quereinstieg in den Beruf forciert werden.

In Beantwortung weiterer Fragen versicherte Wiederkehr, dass die
neu vorgestellte Antisemitismusstrategie der Bundesregierung auch im
Bildungsbereich seinen Niederschlag finden werde. Als Beispiel führte
er eine Handreichung für Schulen zum Vorgehen in Akutfällen sowie den
verstärkten Besuch von Gedenkstätten an. Was die Begabtenförderung
angehe, so bestünden bereits zahlreiche Initiativen wie etwa im MINT-
Bereich, bekräftigte der Minister gegenüber Wendelin Mölzer (FPÖ).

Neukonzeption der Lehramtsstudien sorgt für Änderungsbedarf bei
den Curricula

Eine Novelle der gesetzlichen Vorgaben für die Ausbildung von
Pädagoginnen und Pädagogen hat im Vorjahr grundlegende Änderungen der
Curricula für die Lehramtsstudien gebracht. Die wichtigsten
Neuerungen betrafen die Dauer der Bachelor- und Masterstudien, eine
flexiblere Gewichtung der einzelnen Säulen (Fachwissenschaften,
Fachdidaktik, Bildungswissenschaften, pädagogisch-praktische Studien)
, die Gestaltung von Schwerpunkten und Fächern sowie die stärkere
Verankerung pädagogischer Praxis. Zusätzlich wurden verbindliche
Themenfelder und Kompetenzen definiert, die in allen Lehramtsstudien
behandelt werden müssen. Das Lehramtsstudium der Primarstufe (
Volksschule) ist bereits ab 2025/26 als dreijähriges Bachelor- und
zweijähriges Masterstudium organisiert, für die Sekundarstufe wird
dies erst ab 2026/27 gelten.

Der im Jahr 2013 geschaffene Qualitätssicherungsrat (QSR)
begleitet die Umsetzung der Reformen und hat dazu auch einen Bericht
vorgelegt. In seinen Empfehlungen betont der QSR, es sei zentral,
dass die Ausbildung von Lehrkräften auf dem aktuellen Stand der
Wissenschaft basiere. Dazu brauche es autonom und kooperativ
handelnde Bildungseinrichtungen. Weiters solle die Pädagoginnen- und
Pädagogenbildung an einem konsistenten akademischen Berufsbild
ausgerichtet sein. Der QSR empfiehlt außerdem einen
„Paradigmenwechsel hin zu kontinuierlicher Fort- und Weiterbildung“.
Die Auseinandersetzung mit Themen wie künstlicher Intelligenz,
Digitalität, Globalisierung, Diversität und Bildungsgerechtigkeit
müsse laut QSR für bestehendes und zukünftiges Lehrpersonal
obligatorisch sein. Auch Monitoring und wissenschaftliche Begleitung
der laufenden Reformen seien Schlüsselbereiche, heißt es im Bericht (
III-242 d.B. )

FPÖ-Abgeordnete Lisa Schuch-Gubik gab zu bedenken, dass immer
mehr Lehrkräfte ohne Abschluss in den Klassen stehen würden. Zudem
würden zahlreiche Pädagoginnen und Pädagogen für einen
„fächerfremden“ Unterricht eingesetzt.

Sigrid Maurer (Grüne) ortete beim Thema Inklusion Fortschritte
als auch Rückschritte. So würden etwa in Oberösterreich wieder neue
Sonderschulen eröffnet, kritisierte sie.

Eine gegensätzliche Meinung vertrat Hermann Brückl (FPÖ). Auch
wenn 80 % der betroffenen Kinder in inklusiven Einrichtungen betreut
würden, so würde ein Fünftel der Eltern den Wunsch haben, ihre Kinder
in Sonderschulen unterrichten zu lassen.

Nachdem die Sonderschullehrerausbildung im Jahr 2017 abgeschafft
worden sei, würde nun entsprechende Expertise fehlen, meinte Agnes
Totter (ÖVP). Es brauche daher ihrer Meinung nach eine „vollwertige
Inklusionspädagogikausbildung“.

Schnider: Qualitative Weiterentwicklung der Curricula in vielen
Bereichen

Der Vorsitzende des Qualitätssicherungsrates
Universitätsprofessor Andreas Schnider wertete es als positiv, dass
sich der QSR schon bei der Entwicklung der Curricula einbringen und
frühzeitig in einen konstruktiven Austausch mit den Hochschulen und
Verbünden treten konnte. Dabei wurden folgende Themen, die alle
Curricula gleichermaßen als Querschnittsthemen betreffen, primär
behandelt: Professions- und Kompetenzorientierung, Constructive
Alignment, Diversität und Inklusion sowie Künstliche Intelligenz,
Medienbildung, Digitalisierung und Globalisierung.

Schnider stimmte in Bezug auf die Kompetenzorientierung mit
Martina von Künsberg Sarre (NEOS) überein, dass ein großer Fokus auf
der Fort- und Weiterbildung liege, die von Anfang mitgedacht werden
müsse. Beim Constructive Alignment gehe es um die Abstimmung der
Modulziele mit dem Bildungsprozess, erläuterte er. Dies sei ein
wichtiges Thema, pflichtete Schnider dem Abgeordneten Christian
Oxonitsch (SPÖ) bei. Denn das Kernelement zielführender Lehre seien
die konkreten Kompetenzen und Fertigkeiten, die die Studierenden
erwerben sollten, und nicht mehr einzig der zu vermittelnde Inhalt.

Alle Curricula hätten große Anstrengungen zur weiteren
Implementierung der inklusiven Pädagogik vorgenommen, führte Schnider
weiter aus, wobei unter Bezugnahme auf die Intersektionalität ein
multidimensionales Verständnis von Inklusion zunehmend deutlich
werde. Im Zusammenhang mit der Diversität, bei der es „Luft nach oben
gebe“, liege ein großer Schwerpunkt auf der sprachlichen Bildung.
Eingefordert wurde auch die Verankerung der curricularen
Schwerpunktthemen des Ressorts, wie etwa Schul- und Dienstrecht oder
Elternarbeit, merkte Schnider in Richtung der Abgeordneten Agnes
Totter (ÖVP) an. In den Curricula gut abgedeckt sei der Bereich
„Künstliche Intelligenz, Medienbildung, Digitalisierung und
Globalisierung“, der sich jedoch in allen Unterrichtsfächern abbilden
müsse.

Der QSR sehe auch ein großes Potenzial darin, dass das
„Berufsbild für Lehrerinnen und Lehrer“ zu einer expliziten
Ausrichtung aller Curricula auf ein gemeinsames
Professionsverständnis beitragen werde. Aufgrund der Realität in den
Schulen komme es aber immer wieder vor, dass Lehrkräfte in
„fachfremden“ Fächer unterrichten müssten, räumte Schnider ein. Dem
könne man durch die Neugestaltung der Ausbildung (z.B. Bündelung von
Fächern) sowie durch das Nutzen der Potenziale von
Quereinsteigerinnen und Quereinsteigern entgegenwirken, die oft ganz
neue Kompetenzen in die Schulen bringen würden.

Wiederkehr: Harmonisierung der Ausbildung und mehr Praxisbezug

Die Reform der Pädagoginnen- und Pädagogenbildung habe eine
Harmonisierung bezüglich der Dauer und der Strukturen gebracht, um
eine qualitätsvolle und international „anschlussfähige“ Ausbildung
sicherzustellen, stellte Bundesminister Christoph Wiederkehr fest.
Eine wichtige Neuerung sei unter anderem die Einführung von
Intensivpraxiswochen während der Ausbildung für die Primarstufe, um
einen ganzheitlichen Einblick gewinnen zu können. Er hob weiters das
erstmals vom Ministerium erarbeitete Berufsbild für Lehrerinnen und
Lehrer hervor, das die Grundlagen für die zukünftige Ausgestaltung
und Weiterentwicklung des Berufs als Soll-Zustand formuliert. Im
Sinne einer „School of Education“ sollten die einzelnen Sektoren noch
besser abgestimmt und die Ausbildung der Pädagoginnen und Pädagogen
gemeinsam gedacht werden. Dazu laufe derzeit auch ein
Beteiligungsprozess.

Bezüglich der Sonderpädagogik war Wiederkehr überzeugt davon,
dass es ausreichend Expertise in den Klassenzimmern brauche, zumal
der Bedarf zunehme. Daher werde auch gerade gemeinsam mit Expertinnen
und Experten an Qualifikationsangeboten gearbeitet.

Da er einen pragmatischen Ansatz verfolge, könne er sich
vorstellen, dass in Hinkunft Standorte von Sonderschulen als
inklusive Einrichtungen geführt würden. Nachdem Pflichtschulen
Ländersache seien, könnten sie eigene Wege gehen. (Fortsetzung
Bildungsausschuss) sue