Genetische Ursache für erblich bedingten Sehverlust entdeckt

Wien (OTS) – Ein Forschungsteam der Medizinischen Universität Wien
und der
Medizinischen Universität Graz hat eine bislang unbekannte genetische
Ursache für erbliche Optikusatrophie entdeckt, eine degenerative
Erkrankung des Sehnervs, die mit einem schleichenden Verlust des
Sehvermögens verbunden ist. Die aktuell im Fachmagazin „Genetics in
Medicine“ publizierten Ergebnisse eröffnen neue Möglichkeiten für die
genetische Diagnostik dieser Erkrankung und liefern wichtige Ansätze
für die künftige Erforschung der zugrunde liegenden
Krankheitsmechanismen.

Ausgangspunkt der Forschungsarbeit war die genetische
Untersuchung einer großen österreichischen Familie, in der sieben
Personen über drei Generationen hinweg an einer Optikusatrophie
litten. Mittels genomweiter Sequenzierung konnte dabei eine bisher
nicht beschriebene Variante im PPIB Gen (Peptidylprolyl-Isomerase B)
entdeckt werden. Dieses Gen enthält die Bauanleitung für ein Enzym,
das dabei hilft, dass Proteine im Körper ihre richtige Struktur
annehmen und fehlerhaft strukturierte Proteine abgebaut werden.

In kultivierten Zellen von Betroffenen zeigte das Forschungsteam,
dass diese Genvariante die Funktion der Mitochondrien – der
„Energiekraftwerke“ der Zellen – beeinträchtigt. Eine gestörte
mitochondriale Funktion ist bei den meisten bekannten Formen der
erblichen Optikusatrophie nachweisbar. Durch die Analyse archivierter
Genomdaten konnten in acht weiteren Familien insgesamt zwölf
zusätzliche Betroffene identifiziert werden, die dieselbe genetische
Veränderung tragen. „Damit ist es uns gelungen, das PPIB Gen als
neues Optikusatrophie-Gen zu beschreiben“, fasst Studienleiter
Wolfgang M. Schmidt vom Zentrum für Anatomie und Zellbiologie der
MedUni Wien das Ergebnis der Forschungsarbeit zusammen. „Die
Identifizierung dieser genetischen Variante schafft die bisher in
vielen Fällen fehlende Möglichkeit einer genetischen Diagnose“,
ergänzt Co-Studienleiter Thomas P. Georgi von der Universitäts-
Augenklinik der Med Uni Graz. Das ist wichtig, um betroffene Familien
gezielt beraten und die medizinische Betreuung der Betroffenen
individuell anpassen zu können.

60 Prozent der Betroffenen ohne genetische Diagnose
Die Optikusatrophie ist eine degenerative Erkrankung des Sehnervs,
die zu einer allmählichen Schädigung der sogenannten retinalen
Ganglienzellen führt – jener Nervenzellen, die visuelle Signale von
der Netzhaut an das Gehirn weiterleiten. Erste Symptome sind meist
eine verringerte Sehschärfe, Störungen der Farbwahrnehmung oder
zentrale Gesichtsfeldausfälle. Die Erkrankung kann vererbt werden;
derzeit sind rund 20 Formen der Optikusatrophie bekannt. Bei den
meisten Varianten liegt eine Störung der mitochondrialen Funktion
vor. Trotz der Fortschritte in der genetischen Diagnostik bleibt die
genaue genetische Ursache bei rund 60 Prozent der Betroffenen bislang
ungeklärt.

Mit der vorliegenden Arbeit – einer Zusammenarbeit zwischen dem
Zentrum für Anatomie und Zellbiologie der MedUni Wien, der
Universitätsklinik für Augenheilkunde und Optometrie der MedUni Wien,
des Zentrums für Krebsforschung der MedUni Wien sowie der
Universitäts-Augenklinik der Med Uni Graz – kann diese Lücke nun in
Hinblick auf das PPIB Gen gefüllt werden. Zukünftige Studien sollen
klären, wie genau die PPIB Variante den Zellstoffwechsel beeinflusst
und ob weitere genetische Veränderungen in diesem Gen mit
Optikusatrophie in Zusammenhang stehen.

Publikation: Genetics in Medicine
A recurrent missense variant in the PPIB gene encoding peptidylprolyl
isomerase B underlies adult-onset autosomal dominant optic atrophy.
Katharina Valentin, Monika Kustermann, Mona R. Schneider, Haleh
Aminfar, Kathrin Vollnhofer, Andreas Wedrich, Christoph Stapf, Martin
Bertich, Markus Ritter, Theresa Mendrina, Daniel Valcanover, Walter
Berger, Margret Eckhard, Andy Sombke, Stephanie V. Lilja, Amina
Paquay, Bernhard Rosensteiner, Iris Schmidt, Reginald E. Bittner,
Thomas P. Georgi, Berthold Pemp, Wolfgang M. Schmidt.
https://doi.org/10.1016/j.gim.2025.101595
The article is published in „Genetics in Medicine, an official
journal of the American College of Medical Genetics and Genomics (
ACMG)“.