Wien (OTS) – „Seid ihr alle da?“ Diese Frage wurde heute, Donnerstag
in
ungewöhnlicher Umgebung gestellt. Statt im Urania Puppentheater
fanden sich zwei ganz besondere Gäste im Stadtsenatssitzungssaal im
Wiener Rathaus ein. Der Anlass: Bürgermeister Michael Ludwig
überreichte Kasperl und Pezi den Goldenen Rathausmann. Als Wiener
Publikumslieblinge feiern die beiden ihr 75-jähriges Jubiläum.
„Manche Dinge gibt es nur in Wien – das Wiener Schnitzel, die Wiener
Küche, das Wiener Lied. Wien ist eine Stadt mit Geschichte und eine
Stadt, die ein unverwechselbares Gesicht hat – eine Stadt mit
Identität. Zwei typische Wiener Publikumslieblinge aus Holz und Stoff
sind Kasperl und sein treuer Weggefährte Pezi. Die beiden Wiener
Urania-Puppen feiern nun ihr 75-jähriges Jubiläum – und werden von
Kindern und Eltern geliebt wie am ersten Tag. Auch in meinem Leben
sind sie ein unvergessliches Element – genauso wie bei vielen anderen
Menschen. Kasperl geht wie der sprichwörtliche Wiener nicht unter“,
führte Bürgermeister Michael Ludwig in seiner Rede aus. „Daher feiern
wir heute eine Premiere: Erstmals in der Stadtgeschichte werden mit
Kasperl und Pezi zwei Ikonen der Volkskultur aus Holz und Stoff
geehrt – und mit ihnen ihre Ermöglicher*innen – von André Heller bis
zu den Puppenspieler*innen Alexandra Filla und Florian-Raphael
Schwarz. Ohne sie gäbe es das legendäre Wiener Urania-Puppentheater
nicht. Herzlichen Glückwünsch und Krawuzi Kapuzi!“, so Bürgermeister
Ludwig bei der Überreichung des Goldenen Rathausmanns.
Zu Beginn wurde ein Musikstück von Helmut und Maria Stippich
präsentiert. Autor Franz Schuh hielt die Laudatio. „Man lernt als
Kind, ein Publikum zu sein – zusammen, gemeinsam einem
Bühnengeschehen zu folgen und Kinder lernen die Empfindsamkeit für
das Böse und das Gute“, so der Autor. Als Ehrengäste begrüßte
Bürgermeister Michael Ludwig Universal-Künstler André Heller,
Staatssekretär Josef Schellhorn und Stadträtin Ulli Sima. Begleitet
wurden Kasperl und Pezi von Alexandra Filla, die seit rund 26 Jahren
der Pezi-Puppe Leben einhaucht und von Florian-Raphael Schwarz, der
den Kasperl spielt. Unter tosendem Applaus nahmen sie die
Auszeichnung entgegen. „Ich glaube, es gibt eine Überraschung für
uns. Guglhupf wäre nicht schlecht, aber ich glaube wir kriegen einen
Preis“, vermutete Pezi richtig. „Wir haben ein fantastisches Team,
mit dem wir großartige Abenteuer bewerkstelligen können. Es ist
niemand zu groß oder zu alt“, lud Alexandra Filla in ihrer Dankesrede
alle in die Urania ein.
Bundespräsident Alexander Van der Bellen gratulierte den beiden
Publikumslieblingen in einer Videobotschaft.
Zwtl.: Zu den Personen
Im 18. Jahrhundert war der populäre Komödiant und spätere Direktor
des Kärntnertortheaters Josef Anton Stranitzky ein Pionier – indem er
den „Hans Wurst“ auf die Bühne brachte. Auf ihn folgte Josef La
Roche, der im Leopoldstädter Theater die rebellische Figur des
Kasperls einführte – der schließlich sogar vom Theaterzensor Joseph
von Sonnenfels von der Theaterbühne verbannt wurde. Der Kasperl war
aber nicht unterzukriegen – und trat in „Kasperliaden“ in den
Puppentheatern Wiens auf, etwa im Prater – den die Wiener*innen
schließlich „Wurstel-Prater“ tauften.
1949 gründeten Volksschullehrer Hans Kraus und seine Kollegin
Marianne Plössl die Puppenbühne „Theater im Kleinen“. Erste
Vorstellungen gab es im Gasthaus „Zum Rochuskeller“ im 3. Bezirk. Ein
Jahr später startete die Zusammenarbeit mit dem Volksbildungshaus
Wiener Urania. Vorstellungen wurden auf der „Urania-Insel“ im
Gänsehäufel und im Josefstädter Stadtsaal gegeben.
1950 hatte der Pezi seinen ersten Auftritt als tollpatschiges Bärli –
später bespielte er in einem Spin-Off „Familie Petz“ ganze 250
Fernsehfolgen. Ab 1951 wurde in der Urania dreimal pro Woche
gespielt. 1953 ging das Duo Kasperl und Pezi im RAVAG-Funkhaus auf
Sendung, später ein halbes Jahrhundert lang im ORF. Das ORF-
Puppentheater ist damit die Sendung mit der längsten Laufzeit
überhaupt. In den 1970er Jahren fanden schließlich bis zu 26
Vorstellungen monatlich in der Urania statt.
1976 übernahm Manfred Müller den Part des Kasperls – und später
auch die Leitung der Bühne. 1994 stieß Alexandra Filla dazu – die bis
heute unverwechselbare Stimme von Pezi.
2018 übernahm Multimediakünstler André Heller die Leitung der
Bühne und folgt auf Manfred Müller. Heller kaufte kurzerhand das
Theater – und bewahrte damit eine Wiener Institution, die seit einem
dreiviertel Jahrhundert ein ganz besonderer Teil der Wiener Identität
ist. Mehr als 50.000 Wiener*innen besuchen Kasperl und Pezi jedes
Jahr.
(Schluss) mag