Lebensmittelindustrie und Markenartikelbranche warnen vor Preisregulierung

Wien (OTS) – Die von Bundesminister Marterbauer angestoßene
Diskussion über
staatliche Eingriffe in Lebensmittelpreise nehmen der Fachverband der
Nahrungs- und Genussmittelindustrie und der Markenartikelverband zum
Anlass, zu einigen Punkten der Debatte Stellung zu beziehen: „Wir
lehnen eine staatliche Preisregulierung entschieden ab“ , erklären
Mag. Katharina Koßdorff , Geschäftsführerin des Fachverbands, und
Mag. Günter Thumser , Geschäftsführer des Markenartikelverbands. Auch
ein pauschales Verbot sogenannter territorialer Lieferbeschränkungen
sehen die beiden Verbände kritisch und klären dazu auf. Dabei handelt
es sich um Maßnahmen, bei denen Hersteller den Vertrieb ihrer
Produkte gezielt auf bestimmte geografische Märkte ausrichten – etwa
um auf unterschiedliche Kostenstrukturen, gesetzliche Vorgaben oder
Marktbedingungen in den jeweiligen Ländern reagieren zu können.

Zwtl.: Territoriale Lieferbeschränkungen: Vielfalt der Märkte
erfordert flexible Preisgestaltung – EU-einheitlicher Preis ist nicht
umsetzbar

Lebensmittelhersteller – egal ob regionale Betriebe oder große
internationale Unternehmen – verkaufen ihre Produkte weltweit. Dabei
treffen sie auf ganz unterschiedliche Bedingungen in jedem Markt.
Koßdorff erläutert: „Zwei Drittel der in Österreich hergestellten
Lebensmittel werden in über 180 Länder exportiert. Und in jedem
dieser Länder gibt es andere Anforderungen – sogar innerhalb der EU.“
Dazu zählen lokale Unterschiede bei Steuern, Produktvorgaben,
Vertriebsstruktur, Kaufkraft, Leistungen und Einkaufsvorgaben des
Handels (z. B. Bio, „ohne Gentechnik“, Herkunft, „frei von“). Lohn-,
Energie- und Logistikkosten variieren ebenfalls stark zwischen
Ländern. Zudem müssen die Hersteller lokale Marketingkosten (z. B.
Sprache, Verpackung, Werbung) oder Kosten für nationale Pfandsysteme
abdecken. Diese Unterschiede führen zu unterschiedlichen Kosten für
die Hersteller – und damit auch zu unterschiedlichen Preisen in den
Ländern. Sie sind das Spiegelbild realer Kostenunterschiede und
Marktbedingungen zwischen den Mitgliedstaaten. Wo die Kosten niedrig
sind, können Produkte günstiger angeboten werden. Wo sie hoch sind,
steigen die Preise. Ein einheitlicher EU-Preis ist daher nicht
realistisch .

Hersteller und Händler passen ihre Vereinbarungen darüber, welche
Leistungen zu welchem Verkaufspreis und welche Gegenleistungen zu
welchem Einkaufspreis lokal erfolgen, an die jeweilige Marktsituation
vor Ort an. Um wirtschaftlich arbeiten zu können, entscheiden sich
Hersteller manchmal dafür, den Verkauf ihrer Produkte auf bestimmte
Regionen zu beschränken. Sie lehnen es dann ab, ihre Waren über
Händler zu vertreiben, die sie aus dem jeweils günstigsten Ausland
beziehen und in einem Land mit hohen lokalen Herstellerkosten
weiterverkaufen möchten.

„Das wissen auch die in Österreich tätigen hochkonzentrierten
Handelsunternehmen mit deutschen und österreichischen Firmenzentralen
bei der Preisgestaltung ihrer Eigenmarken, denn sie sind selbst große
internationale Lebensmittelkonzerne und global tätig. Der Anteil an
Eigenmarken des Handels beläuft sich mittlerweile je nach
Supermarktkette auf bis zu 45 %, bei Diskontern auf rund 90 %“,
erklärt Thumser.

Zwtl.: Unbegrenzte Billigstimporte aus dem Ausland gefährden
heimische Lebensmittelproduktion und Arbeitsplätze

Ein generelles Verbot territorialer Lieferbeschränkungen würde
dazu führen, dass Groß- und Einzelhändler unbegrenzt Produkte aus dem
Ausland mit dem jeweils billigsten Preis parallel importieren
könnten. Das würde die heimischen Lebensmittelhersteller noch stärker
unter Druck setzen. Auf diese Weise würden Vereinbarungen zwischen
Herstellern und Händlern, die auf die jeweiligen Kosten- und
Marktbedingungen vor Ort abgestimmt sind – etwa zu Leistungen,
Preisen oder Qualität – komplett ausgehebelt. „Dadurch würde nicht
nur die österreichische Lebensmittelproduktion mit ihren hohen
Qualitätsstandards und die heimischen Arbeitsplätze, sondern auch die
Versorgung mit hochwertigen Lebensmitteln ,Made in Austria‘ in Gefahr
geraten“, warnt Thumser.

Zwtl.: Internationale Lebensmittelkonzerne produzieren in Österreich
und schaffen Jobs und Wertschöpfung in der Region

Eine Reihe von bekannten internationalen Lebensmittelherstellern
produziert seit vielen Jahren in Österreich und schafft hier Jobs und
Wertschöpfung. Sie stellen traditionelle Markenprodukte her, und zwar
an Produktionsstandorten etwa in Niederösterreich, Oberösterreich,
Vorarlberg oder dem Burgenland. „Diese Unternehmen beschäftigen
mehrere tausend Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Österreich und
tragen wesentlich zum Wohlstand in den Regionen bei“, betont Thumser.

Zwtl.: In Österreich belasten steigende Kosten die
Lebensmittelproduktion nach wie vor massiv

Die heimische Nahrungs- und Genussmittelindustrie steht weiterhin
unter massivem Kostendruck. Vor allem seit 2022 gestiegene Löhne und
Gehälter – mit einem Plus von über 20 % – sowie höhere Energie- und
Netzkosten durch das Auslaufen der Energiepreisbremsen belasten die
Branche stark. „Trotz des hohen Energieeinsatzes gilt die Herstellung
von Lebensmitteln EU-rechtlich nicht als energieintensiv. Die Branche
ist daher vom Stromkostenbonus praktisch ausgeschlossen“, erklärt
Koßdorff.

Unverändert hoch sind auch die Kosten für Verpackung, Logistik,
Rohwaren und Bürokratie. Globale Krisen sowie Pflanzen- und
Tierkrankheiten haben die Preise für Rohwaren (Kakao, Kaffee,
Orangen, Rindfleisch, Haselnüsse, Gewürze) im zweistelligen
Prozentbereich in die Höhe schnellen lassen. Längere Transportwege
über das Kap der Guten Hoffnung statt durch den Suezkanal verteuern
die Logistik zusätzlich. Neue Regelungen zu Verpackungen,
entwaldungsfreien Lieferketten oder Nachhaltigkeitsberichterstattung
erhöhen ebenfalls den Druck auf Hersteller. Die Folge: Die
Wettbewerbsfähigkeit der österreichischen Lebensmittelhersteller
sinkt – sowohl im Inland als auch auf Exportmärkten.

Die Bundeswettbewerbsbehörde (BWB) bestätigte in ihrer aktuellen
Branchenstudie, dass sich die Lebensmittelindustrie in der Phase der
Teuerung kein „Körberlgeld“ verdient hat, im Gegenteil: Die
Gewinnmargen der Lebensmittelhersteller sind deutlich gesunken. Die
BWB bestätigt auch, dass österreichische Lebensmittelhersteller mit
unlauteren Praktiken des Lebensmittelhandels konfrontiert sind.

Hinzu kommt, dass die Lebensmittelhersteller das dichte Aktions-
und Rabattprogramm des Lebensmittelhandels teilweise oder gänzlich
finanzieren, das mittlerweile rund 40 % des gesamten Sortiments
ausmacht. Bei Produkten wie Bier, alkoholfreien Getränken oder
Speiseeis liegt der Aktionsanteil teils bei bis zu 80 %, Fleisch ist
praktisch in Daueraktion. Dazu Thumser: „Rabatte über Pickerl oder
Apps, die Konsumentinnen und Konsumenten beim Einkaufen auf Produkte
ihrer Wahl aufkleben bzw. einlösen, werden den jeweiligen Herstellern
am Ende des Quartals vom Handel preislich abgezogen. In Österreich
bestimmt ein hochkonzentrierter Handel das Preisniveau – nicht die
Hersteller“.

Zwtl.: Lebensmittelinflation: Österreich im EU-Mittelfeld

Im Zeitraum Jänner 2022 bis Jänner 2025 liegt die
Lebensmittelinflation in Österreich bei +27,4 % und damit im EU-
Mittelfeld. Koßdorff hält fest: „Die immer wieder zitierten Länder
Deutschland (+28,1 %) und Spanien (+28,1 %) weisen höhere Werte als
Österreich auf!“ Höher liegen zum Beispiel auch Belgien: +28,5 %;
Kroatien: +32,4 %; Slowakei: +39,0 %; Lettland: 40,1 % und Estland: +
45,5 %; die gesamte Eurozone liegt bei +25,8 % (Quelle: Eurostat,
WIFO). Gleichzeitig geben österreichische Haushalte nur rund 10 %
ihrer Ausgaben für Lebensmittel aus – deutlich weniger als der EU-
Durchschnitt von 13,6 % (Quelle: Eurostat).

Zwtl.: Appell an die Politik

„Die österreichische Lebensmittelindustrie und
Markenartikelbranche verlieren zunehmend an Wettbewerbsfähigkeit –
sowohl im Inland als auch auf Exportmärkten. Statt in
Lebensmittelpreise einzugreifen, sollten vielmehr die Kostentreiber
für die Lebensmittelherstellung – Energie, Personal und
Überregulierung – rasch und deutlich gesenkt werden“ , so Koßdorff
und Thumser abschließend.

Nähere Informationen finden Sie auf „Österreich isst informiert“:

Wer bestimmt eigentlich den Lebensmittelpreis?

Was kostet ein Lebensmittel in der Herstellung?

Zwtl.: Stellenwert der Lebensmittelindustrie in Österreich

Die Nahrungs- und Genussmittelindustrie (Lebensmittelindustrie)
zählt mit ihren 27.400 direkt Beschäftigten zu den Schlüsselbranchen
in Österreichs Wirtschaft. Sie garantiert verlässlich die tägliche
Versorgung von Millionen Menschen mit sicheren, qualitativen und
leistbaren Produkten. Die rund 200 Unternehmen erwirtschaften
jährlich ein Produktionsvolumen von rund 12 Mrd. Euro. Rund 10 Mrd.
Euro davon werden im Export in über 180 Länder abgesetzt. Der
Fachverband unterstützt seine Mitglieder durch Information, Beratung
und internationale Vernetzung.

Zwtl.: Österreichischer Verband der Markenartikelindustrie

Der Österreichische Verband der Markenartikelindustrie (MAV)
wurde 1925 gegründet und repräsentiert rund 100 national und
international tätige Hersteller aus dem FMCG-Bereich (Fast Moving
Consumer Goods). Als freiwillige Interessenvertretung setzt sich der
MAV für die nachhaltige Förderung der Marke als Symbol für Qualität,
Innovation und fairen Wettbewerb ein.