Wien (OTS) – Mit deutlicher Kritik reagiert die Gewerkschaft GPA auf
die neuen
Berechnungen der Agenda Austria, wonach Teilzeitarbeit zu hohen
Verlusten für das Sozialsystem führe. GPA-Vorsitzende Barbara Teiber
warnt davor, die gesellschaftliche Debatte über Arbeitszeitverkürzung
und Vereinbarkeit auf dem Rücken der Beschäftigten zu führen:
„Teilzeitkräfte pauschal als volkswirtschaftliches Problem zu framen,
ist weder sachlich noch gerecht. Wer Teilzeit arbeitet, tut das meist
nicht aus ‚Lifestyle-Gründen‘, sondern weil es strukturell kaum
anders möglich ist. Etwa wegen fehlender Kinderbetreuung oder weil
Pflegearbeit in der Familie geleistet wird“, so Teiber.
Teilzeit ist Ergebnis von Rahmenbedingungen
Viele Teilzeitkräfte arbeiten weniger, weil ihnen Kinderbetreuung
fehlt, Angehörige zu pflegen sind oder weil gesundheitliche und
betriebliche Rahmenbedingungen eine Vollzeitstelle nicht zulassen.
Das trifft vor allem Frauen, die vier von fünf Teilzeitkräften
ausmachen.
„Wer Teilzeitkräfte pauschal zu höheren Beiträgen verpflichten
will, belastet in Wahrheit gezielt Frauen und verschärft damit die
bestehende Ungleichheit. Das erhöht den Gender Pay Gap und letztlich
auch die Pensionslücke“, betont Teiber.
Frauen leisten laut aktuellen Daten vierzig Prozent der bezahlten
und 63 Prozent der unbezahlten Arbeit in Österreich. Trotzdem
verdienen Teilzeitkräfte pro Stunde im Schnitt um 18 Prozent weniger
als Vollzeitbeschäftigte – und das bei identischen Tätigkeiten. „Wer
glaubt, es mangle an Anreizen für mehr Arbeit, ignoriert völlig die
Lebensrealitäten. Es fehlt nicht an Leistungsbereitschaft, sondern an
politischen Rahmenbedingungen“, so Teiber.
Aufstocken lohnt sich – auch im Pensionssystem
Die Gewerkschaft GPA verweist außerdem auf Analysen, wonach sich
ein Aufstocken der Arbeitszeit – entgegen der Behauptung der Agenda
Austria – auch im bestehenden System sehr wohl lohnt. Wer von 2.000
auf 4.000 Euro brutto aufstockt, erhält 71 Prozent mehr Nettolohn.
Wenn man den zusätzlichen Nettopensionsanspruch einrechnet, sind es
jedoch 108 Prozent.
„Der Grenzsteuersatz ist kein Argument gegen Leistung. Wer
aufstockt, hat netto deutlich mehr und in der Pension profitiert man
noch einmal. Wer etwas anderes behauptet, ignoriert die Fakten“,
bringt es Teiber auf den Punkt.
Kein Platz für Scheindebatten: Faire Beiträge braucht es von
Vermögenden
Statt Beschäftigte mit moralischen Appellen zu konfrontieren, sei
es Zeit für gerechte Beiträge der Vermögenden: „Ich begrüße jede
Diskussion über die Fairness unseres Steuersystems – aber vielleicht
beginnen wir bei jenen, die am meisten haben, nicht am wenigsten“, so
Teiber. „Während wir über angeblich fehlende Beiträge von
teilzeitbeschäftigten Müttern reden, entgehen dem Staat jährlich rund
7,4 Milliarden Euro, weil große Vermögen kaum besteuert werden. Diese
Lücke zu schließen wäre der deutlich wirksamere Hebel für ein
stabiles Budget.“
Teilzeitbeschäftigte leisten zentralen Beitrag
Teilzeitbeschäftigte sind jedoch nicht nur höheren Risiken bei
Pension und sozialer Absicherung ausgesetzt, sie leisten gleichzeitig
einen zentralen Beitrag – ob im Handel, in der Pflege oder im
Dienstleistungssektor.
„Diese Menschen stützen den Sozialstaat, sie entziehen sich ihm
nicht. Was fehlt, sind politische Rahmenbedingungen, die
Vereinbarkeit erleichtern, Arbeitszeit gerechter verteilen und
Teilzeit nicht zu einer Wohlstandsfalle machen“, so Teiber.